Ein Versprechen …

 

In dunklen (Jahres) Zeiten tritt er besonders gerne auf. Der so genannte „Herbst-Winter-Blues“. Er geht einher mit Trübsal, Lethargie und manchmal gesellen sich auch Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit in die „Blaue Sinfonie“. Es mutet seltsam an, wie schnell und schleichend sich diese Komposition in unsere Gefühlswelt einschleicht und plötzlich fehlt es an Fröhlichkeit, Tatendrang und Mut. Dinge, die in strahlenden Sonnenstunden leicht und durchführbar „schienen“, bauen sich mit einem Mal wie unüberbrückbare Brocken, ja Berge vor uns auf.

 

Das Leben fühlt sich an wie Blei und die Gedanken kreisen um die Frage: Wie um Himmels willen erklimme ich diese vielen Mount Evereste (die oft nur die Größe von Maulwurfshügeln haben) vor mir? Nach monatelangem Mühen und Plagen, wie einer griechischen Tragik-Komödie gleich, kommt irgendwann eine Erinnerung hoch … Wie war das doch gleich, diese Geschichte mit Hades und Persephone? Wer in Mythologie aufgepasst hat, kennt die Story. Und wer nicht kann sie gleich (wenn auch in Kurzversion) erlesen.

 

 

Als Hades, der Gott der Unterwelt, sich in Persephone, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter verliebte, fackelte er nicht lange und entführte sie kurzerhand in die Unterwelt. Dies aber erschütterte die Göttin Demeter so sehr, dass sie in tiefe Depression ob des Verlustes der geliebten Tochter versank und sich fortan weigerte, Pflanzen und Bäume wachsen zu lassen und sich um die Natur zu kümmern. Felder verödeten, Dunkelheit machte sich breit. Die Welt lief Gefahr unterzugehen, was wiederum den mit Blitzen und harter Faust regierenden Göttervater Zeus auf den Plan rief. Dieser schaltete sich sodann ein und forderte Hades auf, die holde Maid aus der Unterwelt zu entlassen und sie wieder mit ihrer Mutter zu vereinen. Keinesfalls aber wollte sich Hades von seiner Liebsten trennen und weigerte sich. Doch Zeus war unerbittlich, und so schloss man einen Kompromiss. Widerwillig musste sich Hades darauf einlassen, Persephone immer für ein halbes Jahr in die Oberwelt zu entlassen. Die andere Jahreshälfte musste sie als Königin der Unterwelt an seiner Seite bleiben.

 

Auf diese Weise erklärt also die griechische Mythologie die Entstehung der Jahreszeiten. Ist die Göttin Demeter glücklich vereint mit ihrer Tochter Persephone in der Oberwelt, so beginnt alles in neuem Glanz zu erstrahlen, zu blühen und die Natur erwacht zum Leben. Rückt jedoch der Abschied näher, beginnt die Stimmung der Göttin zu schwanken. Trauer macht sich breit, gepaart mit dem Hinauszögern des Abschiedschmerzes, der sich im bittersüßen, langsamen (und herrlich anzuschauenden) Verfall der Natur widerspiegelt. Bis es endgültig ist! Dunkelheit und Kälte übernehmen die Herrschaft. Mensch und Tier ziehen sich zurück, schwelgend in Erinnerungen an vergangene fröhliche Zeit, wartend und in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr der Persephone, auf eine Wiederkehr von Wärme und Leichtigkeit … Doch sie kommen nicht, sehr lange nicht!

 

 

 

 

 

Und in der dunkelsten und kältesten Nacht sinkt sie, die Hoffnung. Stagnation. Ein Nullpunkt ist erreicht. Es scheint, als stünde der Kreislauf still, als müsste Persephone für immer in der Unterwelt verweilen und ihre Mutter, in tiefste Traurigkeit gehüllt, ihr Herz auf ewig für die Welt verschließen. Hat Hades sein Versprechen Zeus gegenüber gebrochen? Muss die einst schöne und strahlende Persephone bis ans Ende der Zeit in der Unterwelt dahinsiechen? Werden wir die wärmenden Sonnenstrahlen jemals wieder auf unserer nackten Haut spüren, den blauen Himmel sehen und den Duft von Rosenblüten kosten?

 

Bekanntlich ist es ja kurz vor der Morgendämmerung immer am dunkelsten. Gerade noch mit trüben, dunklen Gedanken beschäftigt, birst plötzlich das Leben aus der eben noch toten Erde hervor, bissige Kälte weicht den wärmenden Sonnenstrahlen, die geradeswegs aus dem nun von Vorfreude erfüllten Herzen der Demeter hervorzustrahlen scheinen. In hoffnungsvollem Weiß zeigen sich die Schneeglöckchen, in leuchtendem Sonnengelb sprießen die Narzissen über Nacht aus dem kalten Erdreich hervor und in edlem Violett gekleidet gesellen sich die Krokusse dazu. Sie sind die Vorboten einer künftigen Zeit der Fülle, der Freude und der Wärme. Sie lassen die düsteren, verhedderten Gedankenknoten platzen, erfreuen unser Auge und unser Herz, öffnen uns und sie erinnern uns … an ein Versprechen, das niemals gebrochen wird!

 

Fotos© Jiota Kallianteris

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