JAZZFESTIVAL 2012 - der Rückblick

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Der Rückblick auf das 26. Jazzfestival, wie immer von Hans-Dieter Heistrüvers. Friedrich von Thun & das Max Neissendorfer Trio, WDR BIG BAND „Cannonball“ feat. Dick Oatts, dus-ti,  Alexander Stewart, Max Mutzke, Jeff Cascaro und viele andere Künstler waren zu hören.

Starker Start ins
Jazzfestival Viersen
mit Friedrich von Thun
und Max Neissendorfer
Foto: GK
Es ist schon eine Tradition geworden, dass das Viersener Jazzfestival mit etwas Besonderem, Ausgefallenem bzw. Ungewöhnlichem in der Kreuzkirche beginnt, und diese Tradition hat immer noch eine erfreulich große Resonanz. So war auch diesmal trotz eines separaten Eintrittspreises von 22 € das komplette Mittelschiff und ein Teil der Seitenschiffe besetzt, um den vor allem durchs Fernsehen berühmt gewordenen, elegant-jovialen und auch im Alter noch smarten Schauspieler Friedrich von Thun zu sehen und zu hören, der hier ein künstlerisches Zusammenwirken von Literatur und Jazz zelebrierte. Mit seiner sehr angenehmen, sonoren Stimme las er aus einem italienischen Roman die abenteuerliche Geschichte eines Musikers vor, und dies wurde immer wieder von ebenso einfühlsamen wie wohlig swingenden Beiträgen des Pianotrios von May Neissendorfer musikalisch untermalt. Am Schluss der Geschichte griff der Vorleser sogar selbst zum Saxophon, was umso mehr am Ende zu begeisterten Standing Ovations führte.

 

Ali Haurand & Tobias Kremer eröffnen das FestivalDas Eröffnungskonzert in der Festhalle bestritt dagegen eine besonders vielköpfige Formation, deren Auftritte beim Viersener Jazzfestival inzwischen ebenfalls zu einer Tradition geworden sind, nämlich die WDR-Big Band. Wie bisher stand auch dieses Konzert wieder unter einem bestimmten Motto, indem es diesmal dem legendären amerikanischen Altsaxophonisten Cannonball Adderley gewidmet war. Der Amerikaner Michael Abene, seit 2003 der musikalische Leiter der Big Band, hatte berühmte Stücke aus dem breiten Repertoire des im doppelten Wortsinn schwergewichtigen Saxophonisten in sehr klang- und kunstvolle Big-Band-Arrangements umgesetzt und übernahm als Dirigent auch die Rolle des Pianisten und des Conferenciers. Mit seinen z.T. recht launigen Ansagen schien er Adderley nacheifern zu wollen, der für seine amüsanten und informativen Ansprachen ans Publikum berühmt war. Die ausgewählten Stücke waren vor allem solche, die Adderley mit dem Tenorsaxophonisten von l.: Dick Oatts, Terell Stafford Foto: GKJohn Coltrane und insbesondere mit dem Keyboarder Joe Zawinul aufgenommen hatte. Es ist da natürlich unvermeidlich, dass mancher Cannonball-Adderley-Fan (wie etwa der Rezensent) da wohl einige funkig-soulige Lieblingsstücke vermisst hat, die er vor allem mit dem Pianisten Victor Feldman eingespielt hat. Vielleicht ist es bezeichnend, dass der als Abschluss präsentierte absolute Höhepunkt des Konzerts, eine rasante Version des sehr bekannten Jerome-Kern-Standards „The Way You Look Tonight“, zwar durchaus von Adderley gespielt worden ist, aber kein Stück ist, das man besonders mit ihm assoziieren oder als typisch für ihn bezeichnen würde. Die für Fred Astaire und seinen Film „Swing Time“ geschriebene Melodie wurde hier in einem furiosen, sehr eigenwilligen und modernen Arrangement präsentiert, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass dieser Kino-Schlager kaum je so fetzig und ungewöhnlich sowie so kraft- und klangvoll interpretiert worden ist. Wie das bei solchen Projekten meist der Fall ist, hatte man auch wieder Gastsolisten eingeladen, die ihrem guten Ruf voll gerecht wurden. Es waren drei Amerikaner: der das gleiche WDR-Big Band Foto: GKInstrument wie Cannonball Adderley benutzende und bewusst auch etwas in dessen Art spielende Dick Oatts, der nicht von ungefähr in den letzten Jahren stets in den Polls des US-Jazzmagazins Downbeat erscheinende energievolle Trompeter Terell Stafford und der durch die Mitarbeit in der Rockjazz-Kultband Weather Report sehr berühmt gewordene Schlagzeuger Peter Erskine. Aber natürlich wurden bei den das Konzert dominierenden Improvisationen, die auch einige Male zu Kollektivimprovisationen ausgeweitet wurden, auch Mitgliedern der Big Band solistischer Spielraum zugewiesen, den sie sehr überzeugend nutzten, wie z.B. der Tenorsaxophonist Paul Heller oder die Altsaxophonistin Karolina Strassmayer. Wie zuvor war also auch in diesem Jahr das Konzert der WDR-Big Band wieder einer der Höhepunkte – wenn nicht sogar der eigentliche Höhepunkt – des Festivals.

 

Im Mittelpunkt des Festivals stand diesmal eindeutig der – vor allem männliche - Gesang. Die Vokal-Konzerte hatten dabei eines gemeinsam: Die Sänger wurden alle von sehr guten Bands begleitet. So trat der britische Sänger Alexander Stewart mit einem wirklich guten Quartett auf, in dem vor allem der Altsaxophonist und der Pianist glänzten, so dass man sich die große Mühe hätte sparen können, ihm auf die Schnelle und mit eilig anberaumten Proben eine deutsche Horn-Section an die Seite zu stellen, obwohl das erstaunlich gut klappte. Die Ausgangsbasis der Musik des 24-jährigen Briten ist sozusagen moderner Retro-Swingjazz und ähnelt somit sehr dem Stil des erkrankten Roger Cicero, den er zu ersetzen hatte. Aber sein Repertoire war deutlich anders. Es reichte von Jazz-Standards bis zu Klassikern aus Soul und Pop, die er zu einer sehr homogenen Performance verschmolz. In Stimme und Phrasierung zeigte er deutliche Ähnlichkeiten mit Michael Bublé. Sein Gesangsstil war sogar etwas markiger und etwas weniger schmusig und soft als der des Kanadiers und fand im proppenvollen Festhallensaal eine begeisterte Resonanz.

 

Jeff Cascaro Foto: GKMit einer besonders sonoren und kraftvollen Stimme, die aber erstaunlicherweise locker auch sehr hohe Töne meisterte, wusste Jeff Cascaro zu beeindrucken, der wieder eine sehr stimmungsvolle Mischung aus Jazz, Soul und Blues präsentierte. Wer aber sein mit fast genau denselben Musikern bestrittenes, vorzügliches Konzert auf der Düsseldorfer Jazzrally im vorigen Jahr erlebt hat, dürfte als Jazzfan ein wenig enttäuscht gewesen sein, dass er diesmal vor allem den beiden sehr guten Musikern an Keyboards und E-Gitarre zu wenig solistischen und improvisatorischen Spielraum gewährte.

 

Der durch Stefan Raab und die Teilnahme am Max Mutzke Foto: GKEurovision Song Contest 2004 bekannt und erfolgreich gewordene Popstar Max Mutzke ist mit seinem aktuellen Album „Durch Einander“ zum Jazz zurückgekehrt, aus dem er auf dem samstäglichen Abschlusskonzert in der Festhalle auch einige Songs vorstellte. Aber er konnte natürlich nicht mit den prominenten und vielbeschäftigten Mitmusikern der CD erscheinen, sondern tat dies mit einem Trio, bei dem vor allem der Keyboarder sehr beeindruckte. Bei aller Verankerung im Jazz ist seine Musik immer noch recht popnah und vor allem sehr soulig geblieben, und er fand auch zu später Stunde, auch als geschickter Conferencier seiner Musik, noch sehr großen Anklang im Publikum.

 

Rachel & The Soul Criminals
Foto:GK
Die einzige Sängerin war die Kölnerin Rachel Scharnberg mit ihrer Gruppe „Rachel & the Soul Criminals“. Mit ihrem Sextett, dessen zwei Blechbläser in Alexander Stewarts Horn-Section ausgeholfen hatten, machte sie im Festhallenkeller zu später Nacht noch einmal mit ihrem funkigen Souljazz energievolle Musik mit sehr viel Feeling und Groove und markierte so das Ende des eigentlichen Jazzfestivals in einer Weise, die Lust auf das nächste Viersener Jazzfestival machte.

 

 

Wolfgang Engstfeld Foto: GKAber natürlich gab es auch den gepflegten, wohlvertrauten Jazz, der sich im breiten Terrain des modernen Mainstream bewegt. So spielte das schon lange blendend aufeinander eingespielte Engstfeld/Weiss-Quartett seinen modernen und abgeklärten Hardbop so souverän, wie man es von ihm erwartet hatte. In der sog. „Überraschungs-Jam-Session“ gaben zwei Tenorsaxophonisten den Ton an: der schon 70-jährige britische Allround-Jazzer Alan Skidmore, der in jedem Jazzlexikon zu finden ist, und der deutsche, viel jüngere Denis Gäbel, der z.T. modernere Töne anschlug. Und dann war da noch das Quintett des Saxophonisten Frank Sackenheim, der zwar in der Mainstream-Tradition des Bebop verwurzelt ist, aber mit seiner Gruppe stilistisch sehr flexibel, vielseitig und abwechslungsreich aufspielte.

 

Rusconi
Foto:GK
Aber die Veranstalter hatten auch den Mut, avantgardistischen und experimentellen Jazz zu präsentieren, im ersten Fall sogar auf der großen Bühne 1 in der eigentlichen Festhalle. Denn das Trio des Schweizer Pianisten Stefan Rusconi hätte sicherlich den akustischen Rahmen der kleineren Bühnen gesprengt. Auf den ersten Blick schien da ein klassisches Piano-Trio aufzutreten. Aber der abwechslungsreiche Einsatz von massiver und z.T. sehr lautstarker Elektronik sowie die Einbeziehung von Rock- und Pop-Elementen machte sehr bald deutlich, dass es hier um sehr eigenwillige Musik ging, der kraftvolle, quasi hypnotische Sounds wichtiger sind als große Melodienbögen. Mal wohltönend, mal wild-disharmonisch, kippte der innovative Einfallsreichtum dieses sehr interaktiven Trios manchmal in etwas zu plakative Effekthascherei um, so dass dessen Musik zwar nicht immer voll überzeugte, aber insgesamt sehr interessant und kreativ war. Nicht von ungefähr ist Rusconi im vorigen Jahr ein Echo verliehen worden. Allerdings stieß diese sehr unkonventionelle Musik bei manchen Zuhörern, die zum Teil den Saal verließen, auf deutliche Ablehnung, was bei einem stilistisch vielfältigen Jazzfestival aber nichts Ungewöhnliches ist, denn es beweist im Grunde, wie erfreulich groß die Spannweite des Jazz ist.

 

Auch das junge Duo „Dus-ti“ ist in der Nähe von Noise-Music und Free-Jazz angesiedelt, auch bei ihm spielt die Elektronik eine sehr große Rolle. Während aber bei Rusconi die Elektronik sehr variabel, effektiv und optisch auffallend unauffällig eingesetzt wurde, drängte sie hier – bei aller eindeutig positiven Anerkennung des musikalischen Konzepts - das sowieso schon sehr minimalistische Spiel des Trompeters meist zu sehr in den Hintergrund, während der Schlagzeuger sehr variabel, einfalls- und abwechslungsreich und zugleich mit markantem Groove spielte.

 

Max von Einem
Foto: GK
Besondere Aufmerksamkeit - und zwar völlig zu Recht – erregte schließlich der 25-jährige Posaunist Max von Einem, wohl auch wegen seiner Sonnyboy-Erscheinung und seines locker-coolen Auftretens, jedoch vor allem wegen der Leichtigkeit und Souveränität, mit der er sein eher ein wenig schwerfälliges Instrument einsetzt, und wegen der großen stilistischen Spannweite seiner Musik. Die reichte von melancholisch-verhaltenen, fast kammermusikalischen Klängen über Rockjazz bis zu Free-Jazz-Nahem. Seine stilistische Vielseitigkeit konnte er auch wieder als Gastsolist unter Beweis stellen. Noch vor ein paar Monaten war er auf der Düsseldorfer Jazzrally als Gewinner des Sparda Jazz Awards grandios beim Rockjazz-Konzert von Klaus Doldingers Passport solistisch eingestiegen, in Viersen begleitete er sehr einfühlsam Max Mutzke in einer Ballade. Er wurde mit seinem Trio erst kurzfristig als Ersatz für das Nostalgia Trio von Nils Wogram, dem zur Zeit namhaftesten deutschen Posaunisten, eingeladen. Er berechtigt aber inzwischen selbst zu großen Hoffnungen, da er inzwischen selbst das Zeug hat, ein bedeutender Posaunist und Musiker zu werden.

 

Der dritte und letzte Tag des Festivals war zum 6. Mal den Kindern gewidmet. Wieder einmal wurden am „Juniors´Jazz Open“-Tag Kinder spielerisch und ihrem Alter gemäß an Jazz und an Musik überhaupt herangeführt. Der Spaß an der Musik wurde geweckt durch das freudige Erleben von Musik und das aktive Mitmachen bei Musik. Das Duo Furiosef mit dem Trompeter Markus Türk und dem Pianisten Manfred Heinen machte das u.a. mit für den Jazz adaptierten Kinderliedern und mit viel Charme, Klamauk und skurrilem Witz, während die vielköpfige Kölner Band Pelemele das mit viel Rock, Pop und Jazz und mit so viel Verve, Fez und lustiger Show machte, dass der große Festhallensaal bis zur letzten Reihe gefüllt war. Den Abschluss bildete wieder der mit Kindern von 8 bis 13 Jahren besetzte und von den beiden Festival-Leitern Ali Haurand und Tobias Kremer geführte Jazz-Workshop, der wieder überzeugend demonstrierte, in welch jungem Alter Kinder schon selber Jazz-Standards spielen bzw. anspruchsvollere Musik machen können.

 

Die vor allem seit dem vorigen Jahr gebotene stilistische Vielfalt des Festivals sollte trotz einiger puristischer Unkenrufe unbedingt beibehalten werden, denn sie ist nicht nur an sich sehr begrüßenswert, sondern – wie das Festival bewies - erfreulicherweise auch sehr erfolgreich. Das zeigen die sehr guten Besucherzahlen und erst recht ein ausverkaufter Freitagabend sowie die oft begeisterte Resonanz des Publikums. Wie sehr das für die Stadt ein weiterer Imagegewinn bedeutet, wird allein schon daran deutlich, dass zum ersten Mal im Fernsehen nicht nur Ausschnitte von den Konzerten auf der Hauptbühne gezeigt werden, sondern auch von den zwei kleinen Bühnen. So hat der so positive Zuspruch des Publikums auch dazu geführt, dass das Viersener Jazzfestival 2013 trotz knapper kommunaler Kassen bereits jetzt gesichert ist und dass diese fortgesetzte kommunale Förderung in einer Leserumfrage der „Rheinischen Post“ von einer sehr klaren Mehrheit von 62 % befürwortet wird.

 

Hans-Dieter Heistrüvers