Launisches zum Festivalsamstag

Der Festhallenvorplatz lag da wie ausgestorben. Auf den Stufen zum Veranstaltungsort: kein Mensch. Und im Innern des niederrheinischen Jazzmekkas huschten nur vereinzelt Gestalten durch die Gänge. Der Rezensent kam zu spät.

 

800 Menschen feierten indes musikalisch ausgelassen, in ihren Sitzen wippend ein Fest mit einem Sänger, der auf der Bühne ein Spektrum bot zwischem popmusikalischem Mainstream, Neosoul und Jazzstandards der vielleicht schon zu oft gehörten Art: Der Bochumer Jeff Cascaro trug sein weißes Hemd über der Jeans und tat auch sonst einiges, um das Genre der leichten Muse mit Urlaubsstimmung zu rechtfertigen. Irgendwo zwischen Schampus und Bratwurst – deren aufdringlicher Dunst Feinsinnigen schlechterdings die Laune vermieste – pendelte der Interpret, die kulinarische Grundversorgung auf dem Festival und das ganze Programm. Zwischen „schade“ und „schön“ variierten die spontanen Urteile des Auditoriums.

 

Rusconi
Foto:GK
Rusconi
Foto:GK

 

Eindeutigkeit ist tatsächlich des Vierseners Sache nicht. Nie gewesen - klare Kante können weder Lokalpolitiker noch Kulturschaffende – und auch wohl nicht gewollt. So ist jegliche Aufführung an diesem Jazzfestival-Samstag gefangen im Mainstream. Geht sie jedoch darüber hinaus, verlässt der Viersener den Saal. So leider auch beim programmatischen Highlight, dem Konzert des schweizerischen Trios Rusconi. Die Herren mäanderten – verwurzelt in Blues- und Rockschemata – in einer Landschaft, deren Grenzen Avantgarde, Klangexperiment und Poppoesie bildeten. Ob Instrumentenwechsel als Stilmittel der Dekonstruktion, permanente Rhythmuswechsel zum Wachhalten der wenigen Dagebliebenen – der Saal war zu diesem Zeitpunkt höchstens noch zu einem Drittel gefüllt – oder einer Ode ans Vinyl: Stets druckvoll, mit beinahe kindlicher Lust am Spiel und erkennbarer künstlerischer Ernsthaftigkeit arbeitete das Trio. Das war eindeutig ausnahmsweise einmal nicht Showbiz, sondern Jazz.

 

Was sonst noch geschah? Diejenigen, die sich nicht eidgenössischer Anstrengung stellten, flüchteten in den alsbald vollgestopften Keller. Dort fand man sich ein zur Zeitreise, zurück in die 60er, mit Rachel & The Soul Criminals. „Vintage is the new hip“ ließe sich dazu bramarbasieren, Musikgenuss mit reichlich Netz und doppelten Böden halt. Was immer schon gefiel, kommt auch durch lange Lagerung nicht um.
Jedoch: Innovation klingt anders.

 

Rachel & The Soul Criminals
Foto:GK
Max von Einem
Foto: GK

 

Vielleicht eher wie Einem.Art? Der Posaunist Max von Einem hat schon vielen Projekten Odem eingeblasen und kam nach Viersen mit einer richtigen Band. Blasmusik ist hipper denn je, doch hier wurde eine entschleunigte Variante geboten. Lebhaftiges aus der Lounge, der eine oder andere Soundtrip und auch extravagante Blechakrobatik – selbst die Soli kamen ohne den Geruch der überflüssigen Musikerselbstbefriedigung daher. Das hat auf jeden Fall allen Spaß gemacht und hätte auch auf der großen Bühne funktioniert. Die durfte jedoch stattdessen zum Tagesschluss ein Mensch namens Max Mutzke entern und schwülstige Liebeslyrik sowie andere oberflächliche Inhalte auf ein aufdringliches Powerpop und Formatradio-Soul-Fundament gießen. Der Rezensent ging also, vorzeitig, aber nicht zu früh.

 

von: Joerg Utecht
Sein Blog: Utecht schreibt