That's how it goes - 25. Internationales Jazzfestival Viersen

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Was uns dieses Jahr erwartet und auf was wir uns freuen können.

Das amerikanische, weltweit renommierteste Jazzmagazin „Downbeat“ präsentiert jedes Jahr seinen „Annual Critics Poll“, im August dieses Jahres zum 59. Mal. In ihm wählen namhafte, vor allem amerikanische Jazzkritiker die ihrer Meinung nach besten oder bedeutendsten Jazzmusiker des letzten Jahres, die nach verschiedenen Kategorien aufgeteilt sind. In den Resultaten dieser Abstimmung taucht 2011 nur zweimal Jazz aus Deutschland auf: und zwar der von Barbara Dennerlein und der WDR-Big Band. Beide sind auch diesmal wieder auf dem Jazzfestival Viersen zu hören und zu sehen. Die Organistin,Barbara Dennerlein die bekanntlich und interessanterweise auf der Hammondorgel die Basslinien nicht wie z.B. Jimmy Smith mit der linken Hand, sondern ein- oder beidfüßig mit den Pedalen spielt, musiziert auf Kirchen- und Hammondorgel im Duo mit einem Gitarristen wieder im ehrwürdigen Ambiente der Kreuzkirche, während der voluminöse, 18-köpfige Klangkörper der Bigband in der nahegelegenen Festhalle zu hören ist. Allerdings stammt die Mehrheit der exzellenten Musiker des Kölner Orchesters, das unbestritten eine der besten Jazz-Bigbands der Welt ist, in der Mehrheit aus anderen europäischen Ländern, aus den USA und Japan. Das wiederum entspricht an sich genau dem Gesamtprogramm und dem Konzept der Veranstalter, die dem Publikum ein wirklich sehr internationales Jazzfestival mit Musikern aus verschiedenen Ländern bieten wollen. Ein besonderes Schwergewicht lag dabei immer schon auf dem europäischen Jazz, auch als einer im Verhältnis zu den USA eigenständigen Form des Jazz. Der wird 2011 geradezu exemplarisch vom European Jazz Ensemble repräsentiert, einer Formation mit Musikern aus England, Holland , Tschechien und Deutschland. Die Gruppe wurde vor 35 Jahren von Ali Haurand, dem künstlerischen Leiter des Festivals, gegründet und vor allem über diese lange Zeit – wenn auch mit wechselnden Besetzungen – zusammengehalten.

 

Gismo GrafDieser personellen Internationalität des Festivals entspricht seine stilistische Spannweite. Da tritt etwa der erst 18-jährige und von der Presse schon als Wunderkind bezeichnete Gitarrist Gismo Graf auf, der mit seinem Trio Gypsy-Swing in der Tradition von Django Reinhardt spielt, dabei aber auch Einflüsse aus Pop und modernerem Jazz kreativ verarbeitet, so dass eine Zeitung einen Artikel über ihn mit der Schlagzeile titelte: „Django Reinhardt trifft Led Zeppelin“. Wie beim inzwischen schon überaus renommierten Kollegen Joscho Stephan aus Mönchengladbach steht auch ihm der Papa als Rhythmusgitarrist zur Seite. Neben diesem modern vitalisierten Oldtime-Jazz  steht dann etwa das eher auf einen modernen Mainstream-Jazz hinEddie Daniels orientierte Programm der wieder vom Chefdirigenten und vor allem hervorragenden Chefarrangeur Michael Abene geleiteten WDR Big Band. Gastsolist ist der amerikanische Klarinettist Eddie Daniels. Nachdem die Klarinette im Oldtime- und Swing-Jazz noch eines der zentralen Instrumente war, verlor sie im modernen Jazz sehr stark an Bedeutung. Nur einige wenige Klarinettisten wie Buddy DeFranco, Rolf Kühn oder Don Byron (der noch vor einiger Zeit im Süchtelner Weberhaus zu hören war) konnten diesem Instrument  noch eine gewisse Geltung verschaffen, indem sie es vor allem mit einem klassisch klaren, reineren Ton und ohne den etwas quäkenden Dixieland-Sound spielten, so dass bezeichnenderweise die tonlich viel tiefere Bassklarinette sich  viel mehr im modernen Jazz halten konnte, selbst im Fusion-Jazz (z.B. beim als E-Bassist berühmten Marcus Miller). Zu diesen wenigen auch im zeitgenössischen Jazz respektierten Klarinettisten gehört – der auch in der klassischen Musik erfolgreiche - Eddie Daniels. Er wird  eine eigene Auftragskomposition, eine 25-minütige Suite, uraufführen. Der Rest des Konzertes – also mehr als die Hälfte – wird unter dem Motto stehen: “Jazzstandards revisited“. Mit Michael Abene als Arrangeur werden höchst interessante und eigenwillige Versionen  von Jazzklassikern vor allem aus dem American Songbook zu erwarten sein. Schließlich vertritt etwa das European Jazz Ensemble, das in Bezug auf Kompositionen, Arrangements und Soli höchst kooperativ und ohne Bandleader agiert, einen betont anspruchsvollen Jazz vertreten, der im Spektrum von Bebop bis Free Jazz eine Verschmelzung von Tradition und engagierter Moderne zum Ziel hat.

 

Nils LandgrenDarüber hinaus hat das Jazzfestival diesmal einen neuen und attraktiven stilistischen Schwerpunkt, der dem Festival eine besonders große und positive Publikumsresonanz bescheren könnte, denn allein drei Bands treten unter Fahne des Funk auf. Da ist zunächst mit seiner schon 1994 gegründeten Funk Unit der schwedische Posaunist (und z.T. auch Sänger) Nils Landgren, der schon mehrmals auf Jazzfestivals in Viersen aufgetreten ist. Er ist sehr umtriebig (z.B. Hochschulprofessor, künstlerischer Leiter des JazzFest Berlin, zeitweise Leiter der NDR-Bigband) und stilistisch sehr vielseitig. Vor allem hat er keine Berührungsängste mit der Popmusik, eine seiner CDs ist z.B. ein Tribut-Album für ABBA. Als jemand, der ein paar Jahre mit den Crusaders gespielt hat, versteht er eine Menge vom Soul-Funk, so dass hier sehr grooviger, ebenso entspannter wie energievoller und uriger, popnaher Fusionjazz zu erwarten ist.- Dann gibt es die Gruppe T-Funk des Trompeters Tobias Weidinger. Der ist sozusagen ein musikalischer Hansdampf Tobias Weidingerin allen Gassen der Bezirke Jazz und Pop. Sein  beeindruckend großer Wirkungsbereich reicht vom anspruchsvollen, z.T. avantgardistischen Vienna Art Orchestra bis zu Fanta 4 und der Liveband der DSDS-TV-Show. Hier wird er funkigen, elektronischen Lounge-Jazz bieten.  - Und schließlich ist da ja noch der Knüller des sogenannten Geburtstagskonzertes mit Trombone Shorty & Orleans Avenue, das anlässlich des Jubiläums des 25. Viersener Jazzfestivals in Zusammenarbeit Trombone Shorty & Orleans Avenuemit der Abo-Reihe „Kultur Extra“ am Donnerstagabend vor dem eigentlichen Festivalbeginn stattfindet. Mit seiner dynamischen, expressiven Mischung aus Funk, Rock, Rhythm´n´Blues, Jazz, Soul und HipHop, die er selbst als „Supafunkrock“ bezeichnet, hat der erst 25-jährige Posaunist, Trompeter, Sänger und Songwriter aus New Orleans, der auch von der Musik dieser Stadt geprägt ist und mit bürgerlichem Namen Troy Andrews heißt, sehr schnell sehr große Aufmerksamkeit erregt. - Dieses große Angebot von Funk wird jedenfalls dafür sorgen, dass der Spaßfaktor auf dem Viersener Jazzfestival kaum zu kurz kommt.

 

Schließlich will das Viersener Jazzfestival aber nicht nur – insbesondere internationale – Stars präsentieren, sondern auch der deutschen Jazzszene und vor allem dem deutschen Nachwuchs eine Plattform bieten. Da wird zwar als PublikumsmagnetCurtis Stigers der amerikanische Sänger, Saxophonist, Songwriter und vor allem auch männlich-smarte Entertainer Curtis Stigers mit seiner Band verpflichtet, der – aus der Popszene kommend – umso eher locker die Grenzen von Jazz und Pop negiert und damit nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland sehr erfolgreich ist, wie z.B. die Verleihung des Echo Jazz im vorigen Jahr als bester Sänger International belegt. Aber es werden eben auch – vor allem junge -  Musiker aus der Maria Baptist Foto: Tom Clarkdeutschen Jazzszene eingeladen. So tritt neben dem schon erwähnten Gismo Graf z.B. das BuJazzO im Zusammenspiel mit dem Perkussionsensemble Splash auf. Dieses staatlich geförderte „Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland“ nimmt nur junge Musiker bis zum Alter von 24 Jahren auf und aus ihm gingen vor allem unter Leitung des legendären Peter Herbolzheimer so bedeutende Musiker wie z.B. Till Brönner, Roger Cicero, Paul Heller, Peter Weniger, Nils Wogram und Michael Wollny hervor. Seit diesem Jahr leitet die Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Maria Baptist diese junge Bigband. Unter dem Titel „City Grooves“ hat die Berlinerin eine Musik komponiert und arrangiert, die das Lebensgefühl einer Großstadt widerspiegeln soll. Wie schon 2009 kooperiert das BuJazzO wieder mit der jungen Gruppe Splash, die schon damals mit ihren verblüffenden perkussiven Künsten und facettenreichen Klängen begeistern konnte. Dann tritt noch eine weitere Berlinerin Lisa Bassengeauf, die inzwischen schon recht bekannte 37-jährige Sängerin Lisa Bassenge mit ihrem Quintett. Ihr sophisticated, relaxed-cooler Jazz steht dem Chanson und der Popmusik recht nahe und mit ihrer flexiblen, wohltuend unaufdringlichen Stimme singt sie diesmal fast nur deutsche Texte. Last but not least ist da noch das Pablo Held Trio. In einer Zeit, in der im Jazz die Piano-Trios einen enormen Boom erleben, vermag der erst 24-jährige Pianist sich trotzdem mit seinem vorzüglich aufeinander eingespielten Trio und mit seiner eigenwilligen, überhaupt nicht effekthascherischen Musik als der deutsche Senkrechtstarter zu profilieren. Mit 12 Jahren gewinnt er zum ersten Mal den ersten Preis bei „Jugend jazzt“ und eine Dekade später spielt er eine abgeklärte, eher ruhige und introvertierte Musik, die eine sehr melodiöse Improvisationsphantasie mit großer musikalischer Ökonomie verbindet – und ist damit auch noch sehr erfolgreich. Auf der diesjährigen Düsseldorfer Jazz Rally  hatte er einen Auftritt in der Johanneskirche. Schon einige Zeit vor Beginn des Konzertes war der Zugang zu ihm wegen Überfüllung geschlossen.

 

Das Viersener Jazzfestival schließt seit ein paar Jahren mit dem sonntäglichen „Junior´s Jazz Open“. Dieser letzte Festivaltag ist schon längst nicht mehr ein pädagogisch beflissenes Anhängsel, sondern ein ganz besonderer und krönender Abschluss des Festivals. Sozusagen auf einem Familientag sollen hier die Kinder spielerisch und möglichst aktiv an den Jazz und an Musik allgemein herangeführt werden. Hier machen die Großen mit den Kleinen Musik, die vor allem den Kleinen, aber auch den Großen Spaß machen soll, und die Teilnehmer des Jazzworkshops der Kreismusikschule sollen stolz zeigen können, was sie unter der Leitung der Organisatoren des Festivals, Ali Haurand und Tobias Kremer, alles gelernt haben. Dieser Festivalsonntag war bisher immer  ein solch großer Erfolg, dass es diesmal noch mehr einzelne, abwechslungsreiche Projekte gibt und der Fokus wohl noch mehr auf den Kindern vor dem Twen-Alter liegt. So wird z.B. für Kinder ab 6 Jahren szenisch und musikalisch die Geschichte „Vom kleinen bunten Elefanten mit der Tröte“ dargeboten, und zwar vom Matthias Schriefl Trio. Und so schließt sich der Kreis, denn der 30-jährige Trompeter Schriefl spielte früher im BuJazzO und ist jetzt das neue Mitglied des European Jazz Ensemble. Bei diesem Auftritt vor den Kindern spielt er aber auch noch Alphorn und Sousaphon und singt auch, so dass er hier noch viel mehr sein bekanntes bajuwarisches Temperament und seinen schalkhaften Witz ausspielen kann.

 

Am Ende dürfen zwei besondere Vorzüge des Viersener Jazzfestivals aber nicht unerwähnt bleiben: das sehr gepflegte räumliche Ambiente und vor allem die ganz vorzügliche Akustik der Festhalle, die schon bald nach dem Krieg sogar so berühmte Dirigenten wie Herbert von Karajan und Wilhelm Furtwängler nach Viersen lockte. Selbst wenn man in der letzten Reihe der rückwärtigen Empore sitzt, kommt dort oben noch jedes dezente Plingpling eines Pianos auf der weit entfernten Bühne voll an.

 

Es gibt also viele gute Gründe für den Besuch des Viersener Jazzfestivals, das allein schon durch die vielen Fernsehübertragungen (vor allem auf WDR 3, 3Sat und SWR 3) der bei weitem herausragendste überregionale Kulturevent dieser Stadt ist.