Der Mann am Klavier - Paul Kuhn zu Gast in Viersen

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Bekannt als Pianist, Sänger, Bandleader, Bigband-Arrangeur, Komponist, Musikproduzent, Showmaster und Schauspieler.

Im Süchtelner Weberhaus gastierte mit Paul Kuhn eine deutsche Musiklegende, ein wahrer künstlerischer Tausendsassa, der in seinem langen Leben schon in so vielen Funktionen erfolgreich aktiv war: als Pianist, Sänger, Bandleader, Bigband-Arrangeur, Komponist, Musikproduzent, Showmaster und Schauspieler. (Während er im Weberhaus auftrat, wurde zur gleichen Zeit auf arte eine Tragikomödie mit ihm in einer Hauptrolle gezeigt.) In einem nicht leichten Spagat zwischen kommerziellem Schlager-Showbusiness und swingendem Jazz war er einer der ersten deutschen Musiker, der schon bald nach dem Krieg Jazziges in der TV-Unterhaltung akzeptabel und hoffähig machte, und nachdem er - nach vielen Jahren im U-Musik-Business und in z.T. eigenen TV-Shows - in seinem letzten Lebensabschnitt wieder „back to the roots“ ging und so zur von ihm am meisten geliebten Musik zurückkehrte, d.h. sich wieder und fast nur noch dem Jazz zuwandte, wurde ihm neben vielen anderen bisherigen Auszeichnungen im vorigen Jahr der „Echo Jazz“ für sein Lebenswerk verliehen.

 

So ist es nicht verwunderlich, dass sein  Konzert in Süchteln schon einige Zeit vorher ausverkauft und das Weberhaus so knackevoll war wie es bisher selten der Fall war. Sozusagen naturgegeben haben im hohen Alter von 83 Jahren seine pianistische Fingerfertigkeit und Bravour, das Timing sowie die Sicherheit in der Stimmführung etwas nachgelassen. Aber er war nie ein Piano-Virtuose und wollte es auch nie sein. Musikstücke mit sehr schnellen Tempi waren nie sein Ding und nie Ziel seines Ehrgeizes.  Bei seinen Versionen der Standards „I´ll Remember April“ und „Route 66“ waren zwar deutliche George-Shearing-Anklänge zu hören, aber immer noch bezeichnet er den - 2010 im Alter von 91 Jahren gestorbenen -   Pianisten Hank Jones als sein besonderes Vorbild, und das macht deutlich, wie sehr bewusst eine wohldosiert ökonomische, relaxt swingende Spielweise, eine einfühlsame, geschmackvolle Eleganz und eine eingängige Melodiösität seinen Stil prägen. Und genau diese Charakteristika bekam das begeisterte Publikum im Weberhaus eindrucksvoll zu hören. Hinzu kamen seine Qualitäten als erfahrener, charmanter Entertainer und eigener Conférencier. Auf Grund seines trockenen, launigen, aber auch warmherzigen Humors gab es im Weberhaus auch viel zu lachen.

 

Bei jemandem, der von sich sagt, dass stilistisch sein Jazzinteresse nicht über John Coltrane hinausgeht, war das Repertoire natürlich weitgehend von bekannten Stücken des American Songbook geprägt, obgleich bei „The Girl Next Door“ auch mal als Samba präsentiert, aber neben den bekannten Standards gab es auch Eigenkompositionen wie das Stück „Griff“, das dem berühmten gleichaltrigen, auch bereits (2008) verstorbenen Tenorsaxophonisten und Kollegen Johnny Griffin gewidmet war. Begleitet wurde er von dem Bassisten Martin Gjakonovski und von dem seit über 30 Jahren auf ihn eingespielten Schlagzeuger und Freund Willy Ketzer, der über Paul Kuhn gesagt hat, er sei der relaxteste Mensch, den er je getroffen habe. Beiden Musikern wurde auch Raum für überzeugende Soli geboten. Bei einigen Stücken stand ihm darüber hinaus die in Stimme und äußerer Erscheinung durchaus ansprechende Sängerin Gaby Goldberg zur Seite, die das vorherrschende Swing-Repertoire u.a. um den Bossa-Nova-Klassiker „Chega de Saudade“ erweiterte.

 

Am Ende gab es Standing Ovations, wohl nicht nur für eine lebende Legende oder für ein sehr  angenehm melodisches, gefällig wohlklingendes Konzert, sondern auch für einen Mut machenden Mordstyp, der noch in so hohem Alter mit unaufdringlicher Würde und bewundernswerter Nonchalance sehr aktiv geblieben ist und wieder – bzw. immer noch – trotz mancher Schicksalsschläge mit Erfolg und breiter Anerkennung das tun kann, was ihm am meisten Spaß macht.