Aus der Not eine Tugend gemacht

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Für das Jazz-Circle-Konzert im Süchtelner Weberhaus war für den 13. Januar 2012 eine rein holländische Formation angekündigt: das Masha Bijlsma Quartet, d.h. eine Combo mit der namhaften Sängerin und einem Piano-Trio als Begleitband.

Aber es war nun mal eben Freitag der Dreizehnte, und das besagt für Abergläubische bekanntlich nichts Gutes. So schien es auch hier zu sein, denn am Eingang musste den Besuchern mitgeteilt werden, dass die Sängerin erkrankt sei und nur das Piano-Trio auftreten werde. Das veranlasste ca. 30 Besucher kehrtzumachen und wieder zu gehen.

 

Sollten unter ihnen richtige Jazz-Aficionados gewesen sein, so hätten die allerdings allen Grund, sich sehr zu ärgern, denn sie haben ein begeisterndes Konzert verpasst. Der Pianist dieses Trios war nämlich der noch namhaftere, 71-jährige Rob van den Broeck, vor allem bekannt als Mitglied des European Jazz Ensemble, in das ihn 1981 Ali Haurand holte, mit dem er aber schon seit 1969   spielte und somit bereits – auch in anderen Formationen – seit über vier Jahrzehnten zusammenarbeitet. Neben seiner langen Tätigkeit als Klavier-Dozent an der Hochschule der Künste in Arnheim ist der gebürtige Hilversumer als Musiker also vorwiegend als pianistischer Begleiter tätig und in dieser Rolle wegen seines exquisiten Spiels nicht nur bei europäischen Jazzmusikern sehr gefragt. An diesem Freitag schien es aber, dass er die Notwendigkeit, aus der dienenden Funktion des Begleiters herauszutreten, offenbar sehr genoss und sehr bemüht war, die Zuhörer für die kurzfristige Änderung des Musikangebots möglichst ansprechend zu entschädigen. Das erste war allein schon an seinen amüsanten, lockeren Ansagen zu erkennen, das zweite vor allem am ja wohl sehr kurzfristig umgestellten Programm. Denn an sich bewegt sich der Pianist stilistisch – z.B. eben mit dem European Jazz Ensemble – vorwiegend im Bereich des musikalisch komplexen, sehr anspruchsvollen und sozusagen strapaziöseren Modern Hard Bop und Free Bop. In diesem Konzert griff er aber überwiegend in die Preziosen-Kiste des dem Publikum wohl vertrauteren Mainstream- bzw. Straight- Ahead-Jazz, indem er – neben einigen Eigenkompositionen - vor allem wohlbekannte Standards interpretierte. Aber das Besondere war, wie er das machte: nicht in einer gefällig-konventionellen, sondern in einer sehr eigenwillig-individuellen, z.T. geschickt verfremdenden Art und Weise, mit besonders raffinierten Harmonien, mit sehr viel Spielwitz und technischer Bravour, mehrfach mit recht langen, interessanten und spannenden Intros, gelegentlich aber auch mit überraschenden quasi avantgardistisch-modernen Einsprengseln.

 

Begleitet wurde er von dem auch solistisch hervorragenden Bassisten Henk de Ligt, während man sich beim Schlagzeuger Dries Bijlsma, dem Vater der verhinderten Sängerin, oft etwas mehr Einfühlsamkeit und geringere Lautstärke gewünscht hätte.

 

Im Jazz erlebt das schon so lange existierende Format des Piano-Trios seit einiger Zeit eine große Renaissance. Man denke nur daran, welchen Riesenerfolg der moderne, bei Miles Davis in dessen Electric-Rockjazz-Phase noch E-Piano spielende Starpianist Keith Jarrett hat, indem er mit seinem – wie bei Rob van den Broeck - rein akustisch, also klassisch instrumentierten Trio Standards neu eingespielt hat. In diesem vorzüglichen Konzert wurde unmittelbar erlebbar und verständlich, warum dieses anscheinend unverwüstliche Trio-Format zu Recht wieder so en vogue ist.