Ein exzellentes Jazzkonzert im Zeichen Holländisch-Deutscher Verbundenheit

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Im edlen Gemäuer von Schloss Neersen gastierte am Weltfrauentag die niederländische Jazz-Sängerin Fay Claassen, sozusagen zwischen alter und neuer Heimat.

Denn sie ist mit dem brillanten WDR-Bigband-Tenorsaxophonisten Paul Heller verheiratet und wohnhaft in Köln und dadurch offenbar so sehr akklimatisiert, dass sie ihre interessanten und erklärenden Ansagen in fließendem Deutsch machen konnte. Gewissermaßen um in besonderer Weise ein Höchstmaß an musikalischer und persönlicher Empathie zu ermöglichen, hatte sie in ihrem Trio wie seit Jahren auch wieder jemanden aus der Verwandtschaft mitgebracht, denn am Bass agierte als ein sehr versierter Meister seines Fachs ihr Schwager Ingmar Heller, dem man allerdings am Mischpult vor allem bei der rhythmischen Begleitung wohl doch etwas mehr Power hätte zugestehen sollen. Am Piano saß mit Cor Bakker ein weiterer Holländer, der den erkrankten Olaf Polziehn zu vertreten hatte, mit dem er offenbar die Liebe zu besonders raffiniert klangvollen Akkorden teilt. Nicht-Holländern dürfte kaum bewusst gewesen sein, dass hier alles andere als ein notgedrungen engagierter Ersatzmann oder eine professionelle Aushilfskraft verpflichtet worden war. Denn angesichts seines exquisiten, anspruchsvollen, einfallsreichen und einfach großartigen Pianospiels – sowohl als Begleiter als auch als Solist – dürften begeisterte Zuhörer von diesseits der Grenze kaum auf die Idee gekommen sein, dass er im Nachbarland – wie man leicht auf YouTube sehen und hören kann - ein bekannter, telegener Musik-Entertainer ist, dabei auch schon oft vor allem weibliche Sänger begleitet hat und z.B. jahrelang der Moderator und Musical Director einer populären TV-Musikshow (Cor & Co.) war. Darüber hinaus war er, obwohl er nur als Vertreter eingesprungen war, blendend auf den Bassisten und insbesondere die Sängerin eingespielt, einschließlich sehr sorgfältig aufeinander abgestimmter Arrangements. Gerade bei solchen kleinen und somit transparenten Formationen ist es für den Zuhörer ein besonderer Reiz, eine intensive musikalische Interaktion erleben zu können.

 

Ausgestattet mit einer sehr flexiblen, eher weichen Stimme bestach der Gesang der Sängerin vor allem durch die Verbindung von Natürlichkeit und Eleganz, von Leichtigkeit und Expressivität, von  Charme und Ernsthaftigkeit und von Lockerheit und Raffinesse, und ihre hervorragende Musikalität zeigte sich ebenso bei temperamentvollen Scat-Improvisationen wie beim getragenen Vortrag von bloßen Melodien ohne Text. Aber als erfahrene, auch als Gesangsdozentin an Konservatorien tätige Künstlerin weiß sie auch, dass vor allem bei solchen eher intimen Konzerten noch etwas Weiteres hinzukommen sollte: eine abwechslungsreiche und vor allem betont individuelle, persönliche Programmgestaltung. So zollte sie einerseits mehreren von ihr besonders geschätzten Sängerinnen Tribut, indem sie Songs aus deren Repertoire meist sehr individuell interpretierte, und da reichte das Spektrum von Betty Carter, Dinah Washington und Blossom Dearie bis zu Abbey Lincoln und der brasilianischen Latin-Queen Elis Regina, und andererseits reichte ihre Wahl der Komponisten vom Standard von Cole Porter bis zur Filmmelodie von Ennio Morricone sowie von einer Komposition von Cor Bakkers US-Lehrer Clare Fischer bis zu einer von Cor Bakker selbst. Wie sehr für sie die persönliche Note eine – überaus positiv und sympathisch wirkende – Rolle spielt, wurde erst recht deutlich, wenn sie ein leicht balladeskes Stück ihrer 15 Monate alten Tochter widmete oder einen  amerikanischen Standard heiter und beschwingt – bzw. beswingt – auf  Holländisch sang.

 

So hatte man als Zuhörer den Eindruck, nicht nur ein außergewöhnlich und hinreißend schönes Jazzkonzert erlebt zu haben, sondern – vielleicht auch ein wenig bedingt durch das Fehlen eines Schlagzeugs – quasi fast im alten klassischen Sinn einen höchst kunstvollen Liederabend.