Friede, Freude, Rührei

Bei einer Ehe sagt man ja das es im siebten Jahr schon einmal kriseln kann. Zum Glück ist das „Eier mit Speck“-Festival (kurz: EmS) mit niemandem verheiratet, denn das siebte Jahr dieses mittlerweile weit über die Grenze der Kreisstadt Viersen hinaus bekannte Festivals hatte 2012 kein Grund zur Krise.

Udo Gröbbels seines Zeichens Rockjournalist mit Jessie Rose Bei einer Ehe sagt man ja das es im siebten Jahr schon einmal kriseln kann. Zum Glück ist das „Eier mit Speck“-Festival (kurz: EmS) mit niemandem verheiratet, denn das siebte Jahr dieses mittlerweile weit über die Grenze der Kreisstadt Viersen hinaus bekannte Festivals hatte 2012 kein Grund zur Krise. Im Gegenteil – die Resonanz stimmte wieder mal und so war das Festival wie bereits im vergangenen Jahr auch schon Wochen vorher ausverkauft. Auch das Wetter stimmte 2012. Der Sommer kam in der Festivalwoche endlich in Schwung und das komplette Wochenende blieb es bis auf Freitag Nachmittag trocken. Die Bedingungen waren also wieder mal hervorragend und auch musikalisch gab es erneut viel neues zu entdecken. Da man generell auf die großen Namen wie auch auf musikalische Scheuklappen verzichtet, ist das Publikum immer sehr gemischt und der Althippie trifft sich am Bierstand mit dem Metaller und dem Indie-Rocker in entspannter Atmosphäre. Im Gegensatz zu den letzten Jahren fehlte aber am Samstag ein Zugpferd und so spielten die letzten vier BandsBilder vom Festival: EMS I EMSII
alle ca.1 Stunde. Wie das ankam und ob nicht doch ein Headliner mit großen Namen vermist wurde, steht im folgenden Bericht.

 

Tag 1 - Freitag 28.07.2012

Swinging Ladies

Foto: Timm FleißgartenBereits um 15.00 Uhr eröffneten mit „NOTYET!“ die diesjährigen Gewinner des Bandcontest „Young Talents“ der Stadt Viersen das Festival. Da ich erst gegen 18.00 Uhr eintraf, kann ich nur darüber schreiben, das unabhängig mehrere Personen bestätigten einen sehr gelungenen Auftritt der noch jungen Truppe gesehen zu haben. Meine erste Band des Festivals waren die „Silverettes“ aus dem nicht so weit entfernten Köln. Das Sextett besteht aus einer klassischen Rockabilly-Besetzung plus drei Sängerinnen, die im Stile der aus den 40er und 50er Jahren bekannten „Andrews Sisters“ mit typischem Satzgesang wunderbare Swing-Atmosphäre verbreiteten. Das interessante waren aber die Songs, die zumeist neueren Datums waren , aber trotzdem im Stil der 50s dargeboten wurde. So mischte sich alles von den „Queens Of The Stone Age“, „No Doubt“ bis „Elvis“ zu einer wunderbaren Mischung. Nicht nur akustisch, sondern auch optisch wussten die drei Damen die anwesenden Männerwelt zu überzeugen. Ein starker Auftritt mit viel Swing, Charme und Rockabilly. Ein perfekter Einstieg in das Festival.    

 

„Zakk“ lässt grüßen

Typisch für das „EmS“ ist die Tatsache, das jetzt darauf etwas völlig stilistisch anderes folgen musste und so war es auch. Die Briten von „Godsized“ waren zuletzt mit „Zakk Wylde“ auf Tour und stilistisch genau auch dort einzuordnen. Eine Prise Metal, etwas Blues und ein Schuss Southern Rock mixte das Quartett zu einer gelungenen Mischung.  Ebenfalls typisch für das Festival ist, das die gleichen Leute, die eben noch zu den „Silverettes“ abgetanzt sind, jetzt auch noch vorne stehen und lässig den Kopf bangen.

 

Nicht aus England, sondern aus dem Nachbarkreis Heinsberg kamen „Wirtz“. Dahinter verbirgt sich mit „Daniel Wirtz“ der ehemalige Sänger von „Su7even“, die vor 12 Jahren mit „Weatherman“ mal einen veritablen Radio-Hit hatten. Heutzutage sucht man die Musik von eben diesem Daniel und Band vergeblich im Radio. Seine deutsche Rockmusik mit ehrlichen und direkten Texten ist aber dennoch ganz erfolgreich und so füllte es sich auch immer mehr vor der Bühne. Die Band hatte sichtlich Spaß und Daniel bedankte sich artig und freute sich, das sein Name auch mal in der Geschichte dieses Festivals auftaucht. Nicht spektakulär, aber dennoch ordentlich spielte man sich durch die Songs der bisherigen Alben. Vor allem das bekannte „LMAA“ wurde gut angenommen und insgesamt legte man einen ordentlichen Auftritt hin , wo mir aber ein wenig die Überraschungsmomente fehlten.

 

Stoner-Rock ist ja so eine Sache für sich. Die folgenden „Red Fang“ aus dem amerikanischen Portland quälten sich mehr schlecht als recht durch ihr Set und während es die einen für die absolute musikalische Offenbarung hielte, gehörte ich zur anderen Gruppe, die aber auch gar nichts mit dem zähflüssigen Sound der Combo anfangen konnte.

 

Danach war es Zeit für mich zu gehen, denn trotz generell musikalischer Offenheit war beim Headliner am Freitag Abend meine Grenze erreicht und über den Auftritt des deutschsprachigen Hip-Hopers „Marteria“ könnt ihr euch bitte woanders informieren.

Ich war zu der Zeit bereits auf dem Heimweg. Das sollte sich auch als gut heraus stellen, denn Samstag und Sonntag folgte noch einige sehr gute Bands, die einem alles abverlangten.

 

2. Tag - Samstag 28.07.2012

Foto: Timm FleißgartenMein Festivaltag begann mit der vierten von 10 Bands die an diesem Tag die Bühne auf dem hohen Busch beehren sollten. Von „The Jessie Rose Trip“ hatten 99 Prozent der Zuschauer inkl. mir noch nie etwas gehört, aber nach dem Auftritt hatte das Trio um die Namensgeberin, Sängerin und Gitarristen viele Fans gewonnen. Das Trio verband perfekt Indie-Rock mit Soul zu einer tollen Mischung. „Amy Winehouse“ meets „The Jam“ könnte man beispielweise sagen. Jessie hat aber nicht nur eine tolle Stimme, sondern auch als Gitarristen einiges auf dem Kasten und ihre kurzen, aber tollen Soli rundeten den positiven Gesamteindruck ab. Im Herbst erscheint die erste EP der Band. Sollte man sich merken.    

 

80s-Reminiszenz aus Dänemark

Die Dänen von „Carpark North“ verbreiteten sofort gute Laune mit ihrer Musik. Wer schon beim ersten Song direkt mit einem schrägen 80er-Hängekeyboard auf der Bühne abrockt, hat auf dem Festival immer gewonnen. So gab es eine sehr stimmige Mischung aus schrägen 80er-Sounds mit Gitarrenklängen. Auf CD sicher eher unspektakulär, aber live nachmittags auf einem Festival bei Sonnenschein eine feine Sache. Das goutierte auch entsprechend das Publikum mit großen Jubel.

 

Es wird exotisch.. oder doch nicht

Britische und skandinavische Bands gibt es seit Jahren auf dem „EmS“, aber eine Band aus Israel gab es bisher noch nicht. Die für die leider eine Woche vorher abgesprungenen „Hoffmaestro“ nachgerückten „Umlala“ klangen aber gar nicht so exotisch, sondern orientierten sich mit ihrem Sounds an britischen Indie-Bands neuerer Generation wie „Franz Ferdinand“ oder den „Kaiser Chiefs“ gemischt mit Elektro-Klängen. Etwas exotisch war nur ein Songtitel namens „ How do you convert pdf zu jpg“. Das ist doch mal schräg.   

         

Hardcore-Sound der ersten Stunde

Bereits 1986 formierten sich die Band „Mucky Pup“ in New Jersey und gehörten damals zur ersten Generation des Hardcores. Auch im Jahre 2012 weiß man damit noch zu begeistern und die vier nicht mehr so ganz jungen Herren legten eine Stunde Vollgas auf die Bretter. Zur Auflockerung gab es zwischendurch auch mal eine gute gewählte Coverversion wie “Running Free“ von „Iron Maiden“ oder der Evergreen „Mother“ vom Muskelgott „Danzig“. Zum Schluss krönte man einen absolut gelungenen Auftritt mit den beiden Bandhymnen „Hippies Hate Water“ und „ U Stink But I Love You“.

 

Ska - Oft unterschätz, aber immer abgefeiert

Ska hat leider in unseren Breiten immer so ein etwas belächeltes Image. Trotzdem lockert eine eingeschobene Ska-Nummer jedes Konzert immer auf und generell ist es live vielleicht die besten Party-Musik. Das wissen auch die „Busters“ aus dem süddeutschen Wiesloch nur zu gut und nicht zu Unrecht gelten die Jungs als Deutschlands beste Ska-Band. Im 25. Jahr nach ihrer Gründung weiß die Band aber auch genau was live ankommt und so folgen 60 Minuten frenetisch abgefeierte Ska-Klassiker aus ihrer langen Bandgeschichte. Vom ersten Ton an geht das Publikum mit und tanzt, pogt und springt wie wahnsinnig zur Musik mit. Dabei spart sich die Band an diesen Tag nicht etwas die Klassiker bis zum Ende auf, sondern haut direkt mit „Ruder Than Rude“ und „Summertime“  mal zwei ihrer absoluten Klassiker direkt zum Start raus. Sehr gut kam auch das „Plastic Bertrand“-Cover „Ca plane pour moi“ an, das von Orgelspiel „Stefan Schrammhauser“ wunderbar intoniert wurde. Nach einer Stunde war aber dann auch schon Schluss und die Band wurde unter tosendem Applaus verabschiedet. Definitiv das Samstag-Highlight.

 

Punk meets Rock’n’ Roll

Mit den absolut passenden Worten ”Was kann es schöneres geben als eine ordentliche Packung Ska gefolgt von einer Ladung Punk ? Eben- hier sind die „Street Dogs“ kündigte Veranstalter Tappi die Band aus Boston stilecht an. Nach dem Intro “Blitzkrieg Bop“ vom Band gab das Quintett auch sofort ordentlich Vollgas. Insgesamt hätte man vielleicht etwas abwechslungsreicher klingen können, aber die Jungs beherrschen definitiv ihr Handwerk und lieferten einen gelungen Auftritt an mit einer Mischung aus klassischem Punk und einen guten Schuss Rock’N’Roll. Bei der letzten Nummer „Fighter“ gab es dann noch mit dem integrierten „Guns Of Brixton“ eine kleine Hommage an ihre Vorbilder von „The Clash.“   

    

Die abschließenden „Evergrey“ aus Schweden habe ich mir dann geschenkt. Irgendwann ist eben mal Schluss und 9 Stunden Festival sind auch OK.

 

3. Tag Sonntag 29.07.2012

Foto: Timm FleißgartenNach dem eher gitarrenlastigen Vortag gab es heute etwas andere Töne. Mein Sonntag begann mit dem Auftritt der Polin „Julia Marcell“, die in ihrer Heimat relativ bekannt ist. Musikalisch erinnerte ihre Musik und vor allem ihre schöne Stimme an „Kate Bush“. Vielleicht für ein Festival etwas zu ruhig, denn ihre Songs hatten doch einen etwas esoterischen Flair und so genossen dann doch eher die verkaterten Zuschauer noch etwas den chilligen Sound.

 

Die schwedischen „Seeed“

Danach kam dann mal wieder so eine typischer „EmS“-Band. Kennt kein Mensch, aber nach drei Liedern tanzt der ganze Platz. Die 4 Schweden der „Movits“ mischen Swing mit Rap und das ganze in ihrer Muttersprache. Heraus kommt eine tanzbare und ansteckende Musik, die auch die hinteren Reihen zum mitswingen animierte. Klasse Band und auch mal eine schöne Erfahrung wenn man nur auf die Musik eingeht, da man kein Wort versteht. Toller Auftritt.

 

Bassisten sind Schweine

Auch das folgenden Duo von „The Inspector Cluzo“ war alles andere als eine normale Band. Da die beiden Franzosen sich immer über unzuverlässigen Bassisten geärgert haben, haben sie einfach ohne ihn geprobt und dann schließlich ganz auf einen Bass in der Band verzichtet. Klingt auf den ersten Blick wie bei den „White Stripes“, die sich auch konsequent gegen einen Bassisten gewehrt haben. Stilistisch aber sind „The Inspector Cluzo“ völlig anders, denn man mischt geschickt klassischen Funk der 70er mit Rockgitarren. Live haben die beiden dann noch als Verstärkung einen Saxofonisten und einen Posaunisten mit am Start. Das kam vor allem in der Konstellation beim „Curtis Mayfield“-Klassiker „Move On Up“ super rüber. Ansonsten war die Mischung allerdings etwas zerfahren. Mal funky und dann wieder das volle Gitarrenbrett. Obwohl sicherlich musikalisch sehr gut, konnte man live einfach dies nicht rüberbringen. So blieben auch die Reaktionen eher verhalten. Trotzdem eine interessante Band, die man sich merken sollte.

 

Bosnien-Herzegowina – 12 Points !

Um das eh schon sehr internationale musikalische Flair abzurunden, spielten als vorletzte Band dann noch „Dubioza Kollektiv“ aus Bosnien-Herzegowina. Ebenfalls Premiere für dieses Land in Viersen. Die Combo spielte knapp 70 Minuten eine Mischung aus Ska, Hip-Hop, Rock mit Balkan-Melodien. Klingt schräg? War auch schräg, aber auf eine sympathische Art und die Leute vor der Bühne gingen gut mit. Zugegebenermaßen nicht ganz mein Ding, aber trotzdem gut gemacht und dem Großteil des Publikum schien es sehr gut zu gefallen. Lustig war ihre Anspielung auf den Grand-Prix, als man zwischendurch Schilder mit „Bosnia – 12 Points“ hochhielt.

 

Ein krönender Abschluss

Zum Ende gab es dann noch nicht nur für mich eine absolut positive Überraschung. Zwar kannte ich die Band „Madsen“ aus dem Wendland von einigen Radio-Songs, aber das man live so ein Brett fahren würde, hätte ich nie im Leben gedacht. Schon beim Opener „Du schreibst Geschichte“ wurde klar, das man es hier mit einer richtig guten Rockband zu tun hat. Auch das folgende „Vielleicht“ kam so fett rüber, das nicht nur ich völlig aus dem Häuschen war. Mutig war die Tatsache, das man immerhin vier neue Songs spielte, die erst im August auf dem neuen Album „Wie es beginnt“ erscheinen. Wenn es sich dabei aber um so starke Nummern wie „Baut alles auf“ und vor allem „Lass die Musik an“ handelt, kann man damit nicht verkehrt machen. Ein überragender Auftritt , der mit der letzten Zugabe „Nachtbaden“ seinen krönenden Abschluss fand. Respekt an „Madsen“ die es geschafft haben ein Publikum nach drei Tagen Open-Air nochmals komplett aus der Reserve zu locken. Ganz groß !

 

Letztes Jahr dachte ich, das die „Eier mit Speck“-Geschichte 2011 ihren Höhenpunkt erreicht hat, aber 2012 hat nochmals einen draufgelegt. Überragende drei Tage in einer extrem  angenehmen Atmosphäre und tollem Organisation mit viel interessanter Musik. Bleibt am Ende nur noch die Frage, was 2013 da noch kommen soll. Wir werden sehen und auf jeden Fall wieder vor Ort sein.

 

 

Text:Udo Gröbbels