Vorschau - 26. Internationales Jazzfestival 2012

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Was erwartet uns dieses Jahr? Welche Tendenzen zeichnen sich ab? Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Roger Cicero, wer kommt am Samstag?

Es ist sehr erfreulich, dass die Programmgestaltung des diesjährigen Viersener Jazzfestivals die Tendenz des vorigen Jahres fortsetzt: Weniger Orientierung an einem puristischen Jazzverständnis und mehr Offenheit für einen Jazz und eine jazznahe Musik, die ein breiteres und vor allem auch junges Publikum ansprechen und die den Jazz nicht nur als Ausdruck eines ambitionierten  Kunstanspruchs, sondern auch als Ausdruck einer vitalen Lebensfreude präsentiert, also auch weg von einem Jazz, bei dem „es den Musikern nicht mehr darauf ankommt, das Publikum zu erreichen“, sondern  es „ihnen völlig genügt, wenn sie sich selbst toll finden“, wie ein besonders berühmter Jazzliebhaber, nämlich Chris Watts, der Schlagzeuger der Rolling Stones, jüngst in einem Interview („Jazzthing“ 9-10/2012) provozierend gelästert hat.

 

So ergibt es sich nicht von ungefähr, dass der Schwerpunkt des Festivals diesmal der Gesang ist, vor allem der von männlichen Vokalisten. So wie im vorigen Jahr Trombone Shorty aus New Orleans mit seinem Septett das Eröffnungskonzert in der Festhalle bestritt und sogleich der große Publikumsmagnet war, so sollte das in diesem Jahr der Sänger Roger Cicero aus Hamburg mit seiner Big Band sein. Die Attraktivität seiner geschickten Mischung aus jazzigem Swing, zeitgenössischem Pop und meist leicht ironischen deutschen Texten war schon vorab so groß, dass sein Konzert schon mehrere Wochen vorher ausverkauft war. Leider musste er inzwischen wegen einer Viruserkrankung absagen. Sehr schnell gelang es den Veranstaltern, mit dem 24-jährigen englischen Sänger Alexander Stewart und seiner Band sehr gleichartigen Ersatz zu verpflichten, denn stilistisch kommt er dem Jazz von Roger Cicero sehr nah  und in Stimme, Phrasierung und Aussehen erinnert er sehr an Michael Bublé. Zudem haben von der WDR Big Band, die in Änderung der an sich geplanten Programmabfolge am Freitag vor dem Vokalisten auftreten wird, einige Musiker zugesagt, bei der Band des britischen Newcomers einzusteigen.

 

Erfreulicherweise wird das Roger-Cicero-Konzert nachgeholt und als echter Zugewinn  behalten die bereits erworbenen Tickets für den späteren Termin ihre Gültigkeit.

 

Es gibt aber noch weiteren männlichen Gesang vor dem klangvollen Hintergrund von z.T. relativ großen Formationen. Der Sänger und Gesangsprofessor Jeff Cascaro vermischt ebenfalls genreübergreifend Jazz, Soul und Blues und versteht es, mit ausgebufft eingängigen Arrangements und mit klasse aufeinander eingespielten Mitmusikern einen qualitätvollen Wohlfühljazz zu bieten. Und das samstägliche Abschlusskonzert bestreitet noch ein weiterer deutscher Sänger, der mit   seinem mit Funk und etwas Jazz angereicherten Soul-Pop Aufsehen erregte: nämlich Max Mutzke, der durch Stefan Raabs Casting Show bekannt und bald sehr erfolgreich wurde und der es bis zur Teilnahme als Vertreter Deutschlands bei dem Eurovision Song Contest 2004 in Istanbul und dort zu einem 8. Platz brachte. Mit seiner in diesem Monat erscheinenden CD „Durch Einander“ ist der ehemalige jugendliche Schlagzeuger von Jazz-Combos aber risikofreudig wieder zum Jazz zurückgekehrt, mit  einer z.T. selbst finanzierten, quasi reinen Jazz-CD, auf der so prominente Jazzer mitwirken wie Klaus Doldinger und Nils Landgren sowie – als Produzent und Schlagzeuger -  Wolfgang Haffner. Da wird also von ihm in Viersen viel mehr Jazziges zu hören sein als die meisten Zuhörer bei dem Namen Mutzke erwarten werden. Last, but not least ist allerdings neben so viel musikalischer Manpower mit der Kölnerin Rachel Scharnberg auch eine Sängerin zu hören. Schon der Name ihres Sextetts – nämlich „The Soul Criminals“ - macht deutlich, welche stilistische Ausrichtung sie vertritt. Mit ihrem urig fetzigen und überaus groovigen Sound macht sie das so wirkungsvoll, dass ihre Musik kraftvoll  ans  Herz sowie in Bauch und Beine geht.

 

Nach dem Wegfall von Roger Ciceros Big Band ist die WDR Big Band die einzige Großformation des Festivals, aber sie spielt auf den Viersener Jazzfestivals schon seit langen immer eine besondere, herausragende Rolle. Obwohl sie schon so oft auf den Viersener Jazzfestivals aufgetreten ist, käme bei ihr niemand auf die Idee, kritisch einzuwenden: Was, schon wieder ! Denn einerseits ist sie unbestritten eine der besten Jazz-Big-Bands der Welt, vor allem seitdem der New Yorker Michael  Abene ihr Leiter und Chef-Arrangeur ist, der diesmal auch als Pianist hervortreten wird. Seit vielen Jahren erscheint sie fast regelmäßig als einzige deutsche und meist auch als einzige europäische Jazz-Big-Band in den Polls des immer noch maßgeblichen, amerikanischen Jazzmagazins „DownBeat“, und sie ist die einzige deutsche Jazz-Big-Band, die schon mehrere Grammys gewonnen hat. Andererseits tritt sie in Viersen jedes Mal mit einem völlig anderen Programm auf, das in besonders klangvollen und raffinierten Arrangements jeweils einem besonderen Thema oder einem besonders namhaften Jazzmusiker und dessen Repertoire gewidmet ist. Nach Charles Mingus vor zwei Jahren ist das in diesem Jahr wieder eine in Statur und Bedeutung gewichtige Jazzlegende: der 1975 schon recht früh verstorbene Altsaxophonist Julian Cannonball Adderley. Mit seiner virtuosen, enorm vitalen Spielweise passt er stilistisch in gewisser Weise sehr wohl in die vorher genannte Liste von Musikern, da er vor allem durch seinen funkigen Soul-Jazz berühmt wurde und damit ein breiteres Publikum ansprach. Wieder hat die WDR Big Band zu solch einem Projekt Solisten eingeladen, den noch jungen Trompeter Terryll Stafford und wieder zwei ihr wohlbekannte, erfahrene alte Hasen des Jazz, den Saxophonisten Dick Oatts und den Schlagzeuger Peter Erskine. Der erstere überzeugt durch seine ebenso locker-souveräne wie gefühlvolle Spielweise, ist aber eher einer der Jazzer aus der zweiten Reihe, die nie spektakuläre Akzente gesetzt haben, aber sehr versierte und vorzügliche Musiker sind, während sich der letztere vor allem durch seine Mitwirkung in der Rockjazz-Kultband Weather Report in die erste Liga der Jazzdrummer gespielt hat. Er gehörte bereits zu jener WDR Big Band, die 2006 einen Grammy gewann.

 

Aber natürlich sind auch die kleineren, klassischen Formate des Quartetts und Quintetts vertreten, mal mit dem Quintett des Saxophonisten Frank Sackenheim, der einen stilistisch flexiblen zeitgenössischen Mainstream-Jazz pflegt, mal mit dem modernen Hardbop des Engstfeld/Weiss-Quartetts. Der stark von John Coltrane beeinflusste Wolfgang Engstfeld ist einer der renommiertesten deutschen Tenorsaxophonisten, und der Düsseldorfer ist seit 20 Jahren Professor an der Kölner Musikhochschule. Mit dem Schlagzeuger Peter Weiss spielt er seit 40 Jahren zusammen, so dass es nicht verwunderlich ist, dass dieses Quartett (inkl. Piano und Bass) besonders gut aufeinander eingespielt ist.

 

Es kommt aber auch die etwas jüngere Avantgarde zu Gehör. Der umtriebige, sehr produktive und verschiedene Formationen leitende Posaunist Nils Wogram ist einer der Protagonisten des progressiven deutschen Jazz, und er tritt hier mit seinem Nostalgia Trio auf. Trotz des Einsatzes der klassischen Hammond B 3-Orgel (plus Schlagzeug) ist dieser Jazz aber weitaus moderner und anspruchsvoller als der Name der Band vermuten lässt. In ähnlicher Weise vermittelt das Trio des Schweizer Pianisten Stefan Rusconi auf den ersten Blick den Eindruck eines klassischen Piano-Trios. Realiter liegt das Schwergewicht aber nicht  auf den gewohnten pianistischen Melodienbögen, sondern auf mehr oder minder experimentellen Klang- und Rhythmuseffekten, die oft Elektronik und Elemente aus Rock und Pop einbeziehen. Besonders experimentell und avantgardistisch geht es beim Duo „dus-ti“ zu, dessen persischer Name „Freundschaft“ bedeutet und das auch auf dem diesjährigen, immer besonders avantgardistischen Moerser Jazzfestival aufgetreten ist. Der deutsch-persische Trompeter und der polnische Schlagzeuger operieren sehr eigenwillig und expressiv mit Methoden und Sounds des Noise- und Free-Jazz sowie mit sehr viel Elektronik.

 

Schließlich sind aber auch die Veranstaltungen von großer Bedeutung, die den zeitlichen Rahmen des eigentlichen Jazzfestivals bilden. Vor den Festhallen-Konzerten beginnt das Festival seit mehreren Jahren mit einer besonderen Veranstaltung in der nahegelegenen Kreuzkirche. Diesmal geht es um die Verschmelzung  von Literatur und Jazz. Der aus Film und Fernsehen bekannte smarte Schauspieler Max von Thun liest aus einem italienischen, das Thema Musik behandelnden Roman und wird dabei dabei von dem Trio des Pianisten und Scat-Sängers Max Neissendorfer begleitet. Aber auch Max von Thun wird wohl instrumental zu hören sein, indem er zum Saxophon greift.

 

Besonders bedeutsam und bisher erfreulich erfolgreich sind natürlich die sonntäglichen Veranstaltungen der Juniors´ Jazz Open, in denen auf vielfältige und kindgemäße, d.h. spielerische und spaßbetonte Weise die so wichtige pädagogische Aufgabe umgesetzt wird, schon den Kindern über den Jazz und Jazznahes die für ein erfülltes Leben so wichtige Freude an der Musik zu vermitteln.

 

Dem Viersener Jazzfestival ist der rege Zuspruch zu wünschen, den es verdient hat, damit es trotz knapper werdender Kassen bei der Kommune und bei den Sponsoren weiter jährlich durchgeführt werden kann und so die für das Wohl einer Stadt so wichtige positive Außenwirkung bewirken kann, die in diesem Fall besonders durch Fernsehübertragungen erreicht wird. Möglicherweise  kann diese Außenwirkung sogar noch dadurch etwas verstärkt werden, dass im Fernsehen in diesem Jahr zum ersten Mal nicht nur Ausschnitte von den Konzerten auf der großen Festhallen-Bühne, sondern von allen Konzerten des Festivals gesendet werden.

 

 

 

 

 

 

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