Stilistische Vielfalt und programmgestalterischer Zwiespalt

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Stilistische Vielfalt und programmgestalterischer Zwiespalt Foto: GKF

27. INTERNATIONALES JAZZFESTVAL VIERSEN - ein Rückblick.  

An den drei Tagen des Internationalen Jazzfestivals Viersen herrschte strahlendes Spätsommerwetter. Das legt die Frage nahe, ob auch das Festival eine solch positive Ausstrahlung hatte. Die Programmstrategie der Veranstalter hieß eindeutig: eine noch größere stilistische Spannweite und Vielseitigkeit, die vor allem auch stärker ein jüngeres Publikum – u.a. auch durch für sie reduzierte Preise -  anlocken sollte, und eine stärkere Einbeziehung von –  z.T. noch relativ wenig bekannten – deutschen Jazzmusikern. Ein erstes positives Signal gab es bereits einige Zeit vor dem Festival, denn die Samstagstickets waren bald ausverkauft, allerdings wohl auch wegen des Kultur-Extra-Abos.

 

 

Der Festivalauftakt fand zum 5. Mal im besonderen, phantasievoll illuminierten Ambiente der evangelischen Kreuzkirche statt. Dort gab die mit reichlich Musicalerfahrung ausgestattete argentinische Sängerin LILY DAHAB, deren Großeltern aber noch aus dem Vorderen Orient stammen, ein Konzert, unterstützt von einem Quartett, aus dem besonders ihr deutscher Lebensgefährte als Komponist, Arrangeur und vor allem als einfühlsamer Pianist herausragte. Ihre sehr stark von ihrer lateinamerikanischen Heimat geprägte Musik kennzeichnet eine sensible Mischung aus Latin, Tango, Pop und Folklore sowie Jazz und Kammermusik, die sie in einer Stimmung von poetisch bis dramatisch und mit einer flexiblen, mal sanften, mal starken Stimme sehr überzeugend präsentierte.

 

Bereits das erste Konzert in der Festhalle war ein absolutes Highlight. Zum neunten Mal trat die WDR BIG BAND, unbestritten eine der besten Jazz-Big-Bands der Welt, mit einem besonderen Projekt auf dem Viersener Jazzfestival auf, wieder bezogen auf einen besonders berühmten Jazzmusiker. Diesmal war es also ein „TOSHIKO AKIYOSHI Special“. Die 83-jährige Japanerin agierte hier als Komponistin, Arrangeurin, Dirigentin und einmal auch als Pianistin, die hier einen Querschnitt durch ihr umfangreiches Big-Band-Repertoire darbot. Die „Grande Dame des orchestralen Jazz“ dürfte wohl kaum den bekannten Ingrid-Steeger-Slogan kennen: “Dann mach` ich mir ´nen Schlitz ins Kleid und find´ es wunderbar“. Aber das Erste tat sie, und das Zweite traf voll auf ihre Musik zu. Das war einfach wunderschöner, begeisternder Big-Band-Jazz zwischen Tradition und Moderne, überaus klangvoll sowie facetten- und abwechslungsreich und mit vielen  raffinierten Arrangements. Und den Mitgliedern der Big Band bot sie ständig – im höchst gekonnten Kollektivspiel wie in fantastischen Soli – Gelegenheiten zu zeigen, was für großartige Musiker in diesem Orchester versammelt sind. Denen mutete sie deshalb z.B. auch starken Konkurrenzdruck zu, wenn etwa die vier Trompeter – oder auch die zwei Altsaxophonisten – unmittelbar nacheinander und nebeneinander ihre Soli zu absolvieren hatten, die sie natürlich mit Bravour bewältigten. Sie selbst strahlte vor allem angesichts ihres Alters eine erstaunliche Sicherheit und Souveränität aus, mit einer seltsamen Mischung aus Bescheidenheit und Resolutheit, etwa in der Art, wie sie dirigierte oder wie sie den Pianohocker hochkurbelte, bevor sie einmal ein eigenwilliges, kraftvolles Klaviersolo beisteuerte, schließlich war sie zunächst als Pianistin bekanntgeworden.

 

Nicht ganz so alt wie sie, sondern meist ca. eine Dekade jünger waren die – außer dem Schlagzeuger - alten Hasen bzw. rüstigen Herren, die das folgende Konzert auf der Hauptbühne bestritten, nämlich das  „EUROPEAN JAZZ SEXTET “,  mit Ali Haurand, dem künstlerischen Leiter des Festivals, als Spiritus Rector. Dies war natürlich eine verschlankte Version des „European Jazz Ensemble“ mit den Saxophonisten Gerd Dudek,  Alan Skidmore und Jiri Stivin (der letztgenannte spielte auch Flöte) und dem Pianisten Steve Melling. Ihre Musik war anspruchsvoller, moderner, manchmal Free-Jazz-naher Mainstream, vorgetragen mit immer noch beachtlicher Energie, sehr großer Routine und fast schon ein wenig missionarischer Ernsthaftigkeit.

 

Nach dem vor allem mit Engländern besetzten Sextett folgte auf der Hauptbühne als Abschluss des ersten Festivaltages ein Konzert mit einem dänischen Septett, das in seiner krassen Gegensätzlichkeit in Bezug auf das Alter der Musiker und den Stil der Musik besonders deutlich machte, wie stark diesmal das Bestreben der Veranstalter war, eine größere stilistische Spannweite zu wählen, um dadurch ein jüngeres Publikum anzulocken. Die vor allem durch das Internet bekannt gewordene Band des Sängers LUKAS GRAHAM (Forchhammer) präsentierte Popmusik mit viel Funk, Soul und Hip-Hop. Mit einem recht routiniert eingesetzten dreiköpfigen Bläsersatz und der starken Stimme des Sängers war das recht gut gemachter Pop, hatte aber allein schon wegen fehlender Improvisationen relativ wenig mit Jazz zu tun. Nicht von ungefähr wird dieses Konzert im Fernsehen nicht in der Reihe „Jazzline“, sondern in der Reihe „Rockpalast“ gesendet. Vielleicht u.a. auch wegen der übertriebenen Lautstärke wurde der Festhallensaal aber zunehmend leerer, was umso mehr auffiel, da an diesem Abend sowieso nur kaum mehr als 600 Besucher gekommen waren. Die Hoffnungen, mit diesem vermeintlichen Top Act zumindest im Hinblick auf die Besucherzahl ein Highlight verpflichtet zu haben, wurden also nicht erfüllt.

 

Auch der zweite Festivaltag startete mit einem sehr gelungenen Auftaktkonzert. Umgeben von einem kompetenten französischen Quartett mit Saxophon, Bass, der Rhythmusgruppe und vor allem dem eine große Rolle spielenden Ralph Lemonnier am Klavier  und ausgestattet mit einer sehr kraftvollen und schnörkellos eindringlichen Stimme bot die in Paris lebende Sängerin CHINA MOSES ein Konzert, in dem die Songs – egal ob es nun Jazz- und Soulklassiker oder Eigenkompositionen waren -  von einem sehr intensiven und persönlichen Blues-Feeling geprägt waren. Zudem erwies sie sich auch als eine große Entertainerin. Anders als ihre berühmte Mutter, die berühmte Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater, die sich auf der Bühne oft allzu showy und outriert geriert, strahlte sie einen lässigen Charme und eine vitale Natürlichkeit aus.

 

Der eigentliche Höhepunkt des zweiten Festivaltages war aber das Konzert des in Viersen geborenen Trompeters TILL BRÖNNER, der zur Zeit der prominenteste und erfolgreichste deutsche Jazzmusiker ist und der inzwischen auch solch ein internationales Renommee hat, dass er immer wieder selbst von sehr namhaften amerikanischen Jazz-Stars als Gastsolist für ihre CDs verpflichtet wird. Er war der eindeutige Publikumsmagnet dieses Festivals, wegen ihm waren die Samstagstickets schon einige Zeit vor dem Festival ausverkauft und der Festhallensaal bei seinem Konzert rammelvoll. Aber trotzdem verließen einige Zuhörer schon nach den ersten Stücken seines Programms den Saal. Anscheinend hatten sie nicht einkalkuliert, dass Till Brönner verständlicherweise zunächst Stücke aus seinem letzten Album spielen würde (dessen Titel lapidar nur sein Name ist) und dass dieses  Album betont jazzig angelegt ist und viel weniger poppig und gefällig als seine vorausgegangenen CDs ist. Es ist für ihn eine kreative Rückbesinnung auf seine persönlichen  musikalischen Wurzeln im Jazz der 70er- und 80er-Jahre, vor allem als das CTI-Label dem damaligen Hardbop ein gefälligeres, klangvolleres Flair verlieh, wofür es damals heftig kritisiert wurde, während es heute inzwischen für viele Kultstatus besitzt. Deshalb spielte er im ersten Teil des Konzerts seine ganze technische und musikalische Brillanz aus, insofern er hier mit sehr rasanten Läufen und anspruchsvoll-komplexen Harmonien operierte, während er dann im zweiten Teil vor allem erfolgreiche bekannte Kompositionen aus seinen früheren CDs  interpretierte und hier in einer viel überschaubareren, sehr melodischen Linienführung die besondere Schönheit seines unverwechselbaren Tons und seiner geschmeidigen Phrasierung herausstellen konnte. Anders als auf der aktuellen CD setzte er aber wie früher hier auch einmal –  bei einem Bossa-Nova-Stück – seine Gesangsstimme ein. Der Keyboarder Jaspers Soffers lieferte auf dem E-Piano einen dichten, klangfarbenreichen, manchmal etwas zu dominanten und breiten Sound-Teppich, auf dem Till Brönner und der vorzügliche schwedische Saxophonist und Flötist Magnus Lindgren solistisch umso mehr glänzen konnten. Dabei war es  ebenso erstaunlich wie sympathisch, dass Till Brönner  dem jungen Schweden einen genauso großen Spielraum einräumte wie sich selbst und ihn so wie einen gleichrangigen Partner einsetzte.

 

Dem Quintett-Konzert des Berliner Musikprofessors Brönner folgte auf der Hauptbühne das Konzert eines Septetts, in dem nun sogar zwei Musikprofessoren mitwirkten, der Bandleader, Komponist, Arrangeur und Pianist bzw. Keyboarder JESSE MILLINER und der sehr renommierte Saxophonist Peter Weniger, den der Erstgenannte für dieses Projekt gewinnen konnte. Geboten wurde ambitionierter, sehr sorgfältig arrangierter, klangvoller und sehr überzeugender Fusion-Jazz, der mit viel Elektronik und Percussion operierte und vor allem mit E-Gitarre, E-Piano und Synthesizer vielfältige, auch angenehm wohlklingende Sounds einsetzte.- Aber: Leider war das Konzert in gewisser Weise ein bedauerliches Trauerspiel, denn nach dem Brönner-Konzert hatte sich der Saal weitgehend geleert. Jedoch gab es erfreulicherweise noch ein „Aber“. Denn einerseits spielten die Musiker auf der Bühne, mit sehr intensiven Improvisationen vor allem von Peter Weniger, aber auch vom Bandleader und dem sehr guten E-Gitarristen, unverdrossen mit vollem Einsatz und großer Intensität weiter und die wenigen Zuhörer im Saal reagierten ebenso unverdrossen mit häufigem und umso lauterem Beifall.

 

Paradoxerweise war indes gerade auch diese Band eine Beispiel dafür, dass die Veranstalter mit der Tendenz, verstärkt deutsche – z.T. eben auch noch weniger bekannte - Jazzmusiker einzuladen, eine glückliche Hand  hatten, wobei diese Bands natürlich vorwiegend auf den zwei kleineren Bühnen auftraten.

 

Am Samstag begann so etwa das Konzertprogramm auf Bühne 2  mit einem weiteren Musikprofessor, nämlich mit dem Pianisten FLORIAN WEBER. Sein harmonisch und rhythmisch äußerst komplexer und anspruchsvoller Pianostil ist ganz weit entfernt von der Melodienseligkeit des klassischen Pianotrios. Umso erstaunlicher und erfreulicher war es, dass seine zwar fast fröhlich vorgetragene, aber sehr komplizierte, oft recht vertrackte, avantgardistische Musik, die Einflüsse aus den verschiedensten Kulturen der Welt einbezieht, so viele offene Ohren fand.

 

Eine ähnlich heitere Spielfreude war bei einem anderen deutschen Pianisten zu finden, nämlich bei dem vorzüglichen Christoph Spangenberg  im FISCHER SPANGENBERG QUARTETT. Die junge Gruppe mit dem - offenbar stark von John Scofield beeinflussten -  E-Gitarristen Heiko Fischer spielte eine dynamische, sehr stark vom Rockjazz geprägte Musik, die  sie bereits 2011 zu einem „Echo-Jazz“-Preisträger werden ließ. Christoph Spangenber und Daniel Stritzke, der Bassist dieser Formation, waren auf dem Festival überdies auch als Begleiter des bereits mit 17 Jahren überaus   versierten Mundharmonikaspielers KONSTANTIN REINFELD aus Kempen tätig.

 

Mit einem Quartett trat auch der Tenorsaxophonist DENIS GÄBEL auf, der mit seinem sehr energie- und druckvollen, harmonisch anspruchsvollen und stilistisch offenen modernen Hardbop, der von rasanten Tonkaskaden bis zu elegischen Passagen reichte, und mit seinem markanten Ton und seinen expressiven Spannungsbögen voll überzeugte und sich so stilistisch in einem ganz anderen Terrain bewegt als sein Bruder, der Swing-Sänger Tom Gäbel, der im November in der Festhalle gastieren wird. Die besondere Qualität dieses Quartetts ergab sich aber auch aus der Mitwirkung von zwei weiteren herausragenden Musikern. Vor allem am Ende des zweiten Sets brannte der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel – als Solist und vor allem als Begleiter -  ein solch variables rhythmisches Feuerwerk ab, dass verständlich ist, warum er nach Wolfgang Haffner zur Zeit wohl der begehrteste deutsche Drummer ist. Der Knüller dieser Gruppe kam allerdings nicht aus Deutschland. Der italienische Keyboarder ANTONIO FARAO erwies sich technisch wie melodisch als ein großartiger Virtuose auf dem E-Piano, der trotz aller Herbie-Hancock-Einflüsse – von dem bezeichnenderweise das letzte Stück stammte – einen individuellen modernen Stil hatte und nie erkennen ließ, dass er gerade noch eine lange Autofahrt aus Italien hinter sich hatte.

 

Das E-Piano spielte auch im Quintett des Trompeters CHRISTOPH TITZ eine große Rolle. Er präsentierte ein sehr ansprechendes und äußerst abwechslungsreiches Programm. Das reichte von lässig-gefällig über elegisch-atmosphärisch bis zu ekstatisch-wild, von konventionellen bis zu sehr elektronischen Sounds und von fast folkloristisch heiteren Melodien bis zu einem Rockjazz mit deutlichen Anklängen an Miles Davis. Und neben dem erst recht auf dem Flügelhorn sehr weichen, locker fließenden Ton des Trompeters waren vom E-Gitarristen oft sehr rockige Töne zu hören.

 

Schließlich gab es noch zwei eigenwillig besetzte Trios. Die ungewöhnliche Instrumentierung des Trios THREE FALL besteht aus Posaune, Tenorsaxophon bzw. Bassklarinette und Schlagzeug bzw. Percussion. Mit dieser sparsamen, unorthodoxen Besetzung entfalten die noch recht jungen Musiker aber ein ganz erstaunliches Spektrum verschiedener Rhythmen und vor allem sehr verschiedener Musikgenres von Rock über Hip-Hop, Soul, Funk und Reggae bis zum Jazz, geprägt von sehr großem Einfallsreichtum, von Energie und einem mächtigen Groove. Das Trio hatte schon vor 5 Jahren im Festhallenkeller das Publikum erstaunt und begeistert. Im Ernst-Klusen-Saal gelang das wieder so sehr, dass der organisatorische Leiter Tobias Kremer ihnen prognostizierte, der nächste Auftritt würde wohl schon auf der Hauptbühne stattfinden.

 

Das andere Trio, das im intimeren Festhallenkeller auftrat, war das von JANDA, der einzigen deutschen Lead-Sängerin des Festivals. Sie präsentierte ein eigenwillig-individuelles, kreatives und Soul-geprägtes Programm und eine große stimmliche Bandbreite, mal zart-verhalten, mal kraftvoll-expressiv, und gewährte  ihren beiden Mitmusikern an Gitarre und Schlagzeug einen z.T. recht rockigen Gestaltungsraum, der deutlich über den einer Begleitband hinausging.

 

Am Sonntag folgte dann das bewährte „JUNIORS´ JAZZ OPEN-Programm. Zu dem kamen wohl etwas weniger Besucher als beim letzten Mal. Das war aber bei dem strahlenden Sommerwetter und angesichts einiger Veranstaltungen in der Viersener Innenstadt zu erwarten.

 

Im Festhallensaal schaffte es die inzwischen wohlvertraute PELEMELE-Band wieder, kindgerecht ein poppig-jazziges Musik- und Unterhaltungsprogramm vorzuführen, das bewusst einen großen Spaßfaktor hatte. Diesmal hatte sie zudem zusätzlich die Südbeat Big Band, die jüngste Big Band der Rheinischen Musikschule Köln, mitgebracht. Durch diese Teenager-Big Band  wurde das Bestreben noch deutlicher, bei den Kindern Freude zu wecken am Hören und auch am Machen von Musik. Dazu wollte offenbar auch das Alter einen Beitrag leisten, denn zwei bejahrte Mitglieder des „European Jazz Sextet“, nämlich der Saxophonist Alan Skidmore und der Pianist Steve Melling, erschienen auf einmal auch auf der Bühne und steuerten jeweils ein eingängiges Solo bei.

 

Auf dem abschließendem JAZZ FOR KIDS-Konzert wurden dann wieder die Ergebnisse des Workshops der Kreismusikschule präsentiert. Unter der Leitung von Ali Haurand und unter der Mithilfe von Tobias Kremer und Brigitta Nolte hatte man vor allem wieder Klassiker aus den Jazz-Repertoire eingeübt, nochmals von Miles Davis´ „All Blues“ bis zu Herbie Hancocks „Watermelon Man“. So ging es hier zwar ernster zu als im Pelemele-Konzert, dafür hatten die noch sehr jungen Musiker aber die Chance, solistisch aufzutreten und jazzgemäß zu improvisieren. Sie nutzten diese Gelegenheit meist erstaunlich gut, und wenn mal ein schräger Ton dazwischenkam, dann wirkte das umso authentischer.

 

Auch dieses Jazzfestival bot wieder sehr hörenswerte und mehrfach begeisternde Musik. Die Veranstalter sollten sich durch die Fehlkalkulation mit der Lukas-Graham-Band in  ihrem Bemühen um eine aufgeschlossenere Programmgestaltung nicht beirren und nicht entmutigen lassen. Es kann sich eben erst allmählich herumsprechen, dass inzwischen auch das Viersener Jazzfestival eine größere stilistische Offenheit und eine größere musikalische Liberalität anstrebt. Wie sehr man damit Erfolg haben kann, wenn solch eine eine anti-puristische Programmstrategie allgemein bekannt geworden ist, zeigen nicht nur die Düsseldorfer Jazzrally, bei der bekanntlich  Ali Haurand auch als künstlerischer Leiter tätig ist, sondern vor allem die räumlich und zeitlich nahegelegenen Leverkusener Jazztage. Dort engagierten die Veranstalter schon vor Jahren Clueso und präsentieren in diesem Jahr u.a. den alten Jazz-Funk von Shakatak, den neuen Fusion-Funk von Snarky Puppy  und den R&B-Funk von Larry Graham (nicht zu verwechseln mit dem viel jüngeren Lukas Graham). Ausgestattet mit einem natürlich viel größeren Budget haben die dortigen Veranstalter z.B. bei den letzten Jazztagen im vorigen Jahr solche höchst seriösen und unumstritten künstlerisch höchst anerkannten Jazz-Giganten wie Sonny Rollins und John McLaughlin verpflichtet, haben aber andererseits keine Scheu, gleichzeitig und vor allem in diesem Jahr einfach noch einmal auch solche publikumswirksamen, fetzig-vitalen Popjazz-Acts wie Incognito und Candy Dulfer & Band einzuladen, auch wenn das WDR Fernsehen sich wie im vorigen Jahr wohl auch in diesem Jahr wieder weigern wird, in seinen Leverkusen-Live-Mitschnitten etwas von diesen beiden letztgenannten Bands zu senden, alldieweil deren Musik für die ach so verantwortungs- und kulturbewussten WDR-Redakteure wahrscheinlich nur seichter, verräterisch kommerzieller Pseudo-Jazz ist.