27. Int. Jazzfestival in Viersen

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Erfreulicherweise präsentieren die Veranstalter des Viersener Jazzfestivals auch  in diesem Jahr immer mehr ein Programm, das immer weniger puristisch ausgerichtet ist, d.h. das immer mehr Musiker auftreten lässt, die die Grenzen dessen, was man üblicherweise unter Jazz versteht, deutlich überschreiten und so auch ein jüngeres Publikum anziehen dürften.



Eine solche stilistische Spannweite ist schon lange das Markenzeichen des in den letzten Jahren erfolgreichsten deutschen Jazzmusikers, des Trompeters Till Brönner. Er wird nach 2009 zum zweiten Mal in seinem Geburtsort beim Viersener Festival auftreten und sicherlich wieder ein begeisterndes Heimspiel  abliefern. Allerdings wird er wohl vorwiegend Stücke seiner letzten CD zu Gehör bringen und die war im Vergleich zu seinen vorhergehenden Alben ernster und stärker auf Jazz konzentriert, zumal er auf ihr zum ersten Mal seit vielen Jahren auf Gesang verzichtet. Umso mehr Gesang und umso mehr Pop mit Funk, Soul und Hiphop wird auf dem zweiten besonderen Highlight des Festivals zu hören sein, nämlich beim Konzert der dänischen  Lukas Graham Band.

 



Das gesangliche Schwergewicht des Festivals dürften aber drei Frauen sein, nämlich drei Sängerinnen, die stilistisch ebenfalls über den Jazz hinausgehen: die Argentinierin Lily Dahab, die mit ihrer meist sanften Stimme auch Elemente ihrer südamerikanischen Heimat – z.B. Tango, Bossa Nova, Bolero und Flamenco – in ihren Gesang einbezieht; dann die deutsche Janda, die mit ihrer auffallend klaren Stimme ihren Jazzgesang mit Soul anreichert; und vor allem die sehr schnell sehr bekannt gewordene, inzwischen in Paris lebende China Moses. Sie ist die Tochter der berühmten Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater und hat von ihrer Mutter auch die Entertainerin-Vitalität  übernommen. Ihr Gesang ist vor allem geprägt von Soul, Blues, R & B und auch Rock, und sie versteht sich explizit nicht als Jazzsängerin.

 


Aber natürlich wird auch der instrumentale, moderne, betont anspruchsvolle und künstlerisch ambitionierte Jazz auf dem Festival eine große Rolle spielen. Da ist etwa der noch relativ junge Saxophonist Denis Gäbel zu nennen, der bereits im vorigen Jahr hier auftrat und dessen Bruder, der Sänger Tom Gaebel, im November in der Festhalle ein Konzert bestreitet. Der ausgezeichnete Bläser spielt einen stilistisch offenen, modernen Hardbop und ist so gut, dass er als Pianisten und Keyboarder den vorzüglichen, prominenten  Italiener Antonio Farao verpflichten konnte, und in dieser Konstellation hätte seiner Formation wohl ein Konzert auf der Hauptbühne gebührt. Dort treten u.a. die weitgehend älteren Herren bzw. alten Hasen des European  Jazz Sextett auf, das eine personell reduzierte Version des bekannten European Jazz Ensemble ist, also einer Formation, in der Ali Haurand, der künstlerische Leiter des Festivals, namhafte Künstler um sich schart, mit denen er stilistisch und persönlich schon seit mehreren Jahrzehnten sehr eng vertraut ist. Schließlich ist da noch die weltweit renommierte WDR Big Band, die jedes Jahr mit einem besonderen Projekt aufwartet. Diesmal tritt sie an unter der Leitung von Toshiko Akiyoshi, die vor allem durch ihre ebenso komplex-modernen wie erfolgreichen Big Band-Kompositionen und -Arrangements und als Big Band-Leader zu einer der Paradebeispiele der Frauenemanzipation im modernen Jazz wurde und in erster Ehe mit dem Saxophonisten Charlie Mariano verheiratet war, der in seinen letzten Jahren viel mit den Musikern um Ali Haurand gespielt hatte, u.a.auch im Süchtelner Weberhaus. Die 83-jährige Japanerin und Dirigentin, die so berühmt ist, dass sie in jedem Jazzlexikon behandelt wird, ist also auch hier vor allem für die Kompositionen und Arrangements der Kölner Big Band zuständig, aber wahrscheinlich greift die zunächst als Pianistin sehr erfolgreiche und wohl immer noch agile alte Dame auch immer noch in die Tasten.

 

 

Erfreulicherweise wird auf dem Festival aber auch der jugendliche Nachwuchs gefördert. So ist noch einmal das Trio Three Fall zu hören, das mit seiner sehr unkonventionellen Besetzung von Saxophon, Posaune und Schlagzeug und seiner sehr unorthodoxen Musik schon beim ersten Mal einen sehr großen Eindruck hinterließ. Andere wie der Trompeter Christoph Titz werden mit einer Mischung aus Jazz, Elektronik und Pop operieren. Und beim Fischer Spangenberg Quartett ist der Pianist Christoph Spangenberg zu hören, der inzwischen der Keyboarder der Band Ohrbooten ist, die mit ihrer Mischung insbesondere von Hiphop, Reggae und Jazz auf einem der letzten Viersener „Eier mit Speck“-Festivals die vor allem jugendlichen Musikliebhaber zu recht begeisterte.   
 

 

Und wenn dann am abschließenden „Juniors´ Jazz Open“-Sonntag auch die noch ganz besonders jungen Zuhörer durch verschiedene musikalische Acts aufgemuntert werden, dann wird sicherlich erst recht wieder deutlich werden, wie erfreulich vielseitig und abwechslungsreich das Programm des Festivals gestaltet worden ist.


 

Till Brönner - Foto: Andreas Bitesnich
Three Fall - Foto: Grosse-Geldermann
China Moses - Foto: Steve Wells