Der Jazz im Keller

von 

100 Jahre Festhalle Viersen: Vom Jazz-Circle Viersen gefeiert mit einem „Aufeinanderprallen der Kulturen“

 

 

Musiker stehen in unserer Zeit immer stärker unter einem massiven Leistungs- und Erwartungsdruck und haben es immer schwerer, künstlerisch und finanziell zu überleben, vor allem wenn sie in einer Nischenkunst wie dem Jazz tätig sind. Viele Jazzclubs mussten schließen und  viele Kommunen haben ihre Zuschüsse für Jazz-Events gekürzt. Wenn dann auch noch die Anforderungen an die technischen Fähigkeiten der Musiker gesteigert werden, obwohl sich die handwerklichen Fertigkeiten bei jungen Musikern sowieso schon erstaunlich verbessert haben, dann kann das zu schwerwiegenden gesundheitlichen  Komplikationen führen. Für die ist, vor allem an der Uniklinik Düsseldorf, der Mediziner Dr. Wolfram Goertz zuständig, der dort die Interdisziplinäre Musiker-Ambulanz koordiniert. Dieser Herr Doktor ist aber – gleichzeitig und vor allem – einer der fachlich und sprachlich brillantesten und zu Recht renommiertesten deutschen Musikkritiker, insbesondere auf dem Gebiet der klassischen Musik. Er schreibt für so angesehene Zeitungen wie Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und das Fono Forum, ist aber vor allem als Musikredakteur der Rheinischen Post tätig. Wenn er z.B. dort eine Musik-CD sehr empfiehlt, dann weiß man bei Saturn in Düsseldorf , dass man sich schnell auf eine deutlich verstärkte Nachfrage einstellen muss. Am 12. Juli 2013 kam Dr. Goertz aber in einer weiteren, dritten Funktion in den dicht gefülltenViersener Festhallenkeller, nämlich als Pianist und Arrangeur.

 

Denn dort wurde anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Viersener Festhalle gefeiert, dass es der Festhallenkeller war, in dem der Jazz-Circle Viersen mit seinen ersten Konzerten angefangen hatte.

 

Nichts lag näher als dass dieser Konzertabend mit einer Gruppe um Ali Haurand anfangen würde, der mit seinem großen Organisationstalent, seinen weitreichenden Beziehungen zu anderen Jazzmusikern und natürlich seinem außerordentlichen musikalischen Prestige entscheidend dafür verantwortlich ist, dass der Viersener Jazz-Circle nun schon über 20 Jahre besteht und dass seit über 25 Jahren das Internationale Jazzfestival Viersen in der Festhalle stattfindet und zu einem sehr  angesehenen Jazzfestival geworden ist, das über die deutschen Grenzen hinaus gesendet und regelmäßig in den Fachmagazinen behandelt wird. Ihm als Bassisten standen zur Seite zwei ebenfalls sehr namhafte Bläser, der Tenor- und Sopransaxophonist Gerd Dudek, dessen Betätigungsfelder von der Kurt Edelhagen-Big Band bis zum Free Jazz reichen, und der Prager Flötist, Klarinettist und Altsaxophonist Jiri Stivin, der ebenfalls stilistisch und vor allem instrumental sehr vielseitig ist.

 

An der Intensität und Dichte, mit der die Musiker miteinander spielten, konnte man erkennen, dass sie schon seit einigen Dekaden gemeinsam auftreten und bestens aufeinander eingespielt sind. Die drei alten Herren, alle 70 und älter, musizierten so kraftvoll, expressiv und souverän, dass man durchaus den Eindruck hatte, dass sie noch keiner medizinischen Betreuung durch Herrn Dr. Goertz bedürfen. Diese alten Hasen des Jazz präsentierten weitgehend modernen Hardbop. Der reichte von harmonisch anspruchsvollen, rasanten und komplexen Stücken - wie etwa der Haurand-Komposition „Pulque“ am Anfang des Konzerts - über den elegischen Filmhit „Rosemary´s Baby“ von Krzystof Komeda bis zu einfallsreich, stärker melodiös interpretierten Standards wie „Autumn Leaves“. Wie gewohnt vermochte vor allem der virtuose Jiri Stivin wieder durch seine Soli mit den verschiedensten Instrumenten – u.a. mit aus der Jackentasche  herausgeholten Mini-Flöten und -Pfeifen -  besonders zu beeindrucken.

 

Es zeigte sich zudem wieder einmal, dass der vor allem bei kleineren Formationen zur Zeit  auffallende Trend, ohne Schlagzeuger zu operieren, insbesondere auch für den Zuhörer einen besonderen Vorteil hat. Er kann viel leichter die Interaktion der Musiker verfolgen, und die vom Trio mehrfach vorgenommenen Kollektivimprovisationen waren so unmittelbarer und genauer zu erleben. In solch einer  Konstellation kommt dem Bassisten eine besonders wichtige Rolle zu. Er muss besonders stark den Rhythmus markieren – und Ali Haurand ist mit seinem voluminösen Ton ein Meister des Walking Bass -, aber er kann auch parallel mit den anderen Musikern improvisieren. Der häufige und starke Beifall des Publikums zeigte, wie sehr man diese eindringlichen, aber  nun auch sehr transparenten Melodiengeflechte zu würdigen wusste.

 

In der zweiten Hälfte des Konzertes trat dann Wolfram Goertz auf, und zwar ebenfalls mit einem Trio, mit ihm als Pianist und Spiritus Rector, mit einer Sängerin und einem Bassisten. Bereits in der ersten seiner informativen und vor allem sehr witzig-amüsanten Ansagen betonte er – teilweise scherzhaft-hyperbolisch - im Hinblick auf den ersten Teil des Doppelkonzertes, die folgende Musik werde „ein Aufeinanderprallen der Kulturen“ sein, sie habe zwar  „entfernt mit Jazz zu tun“, komme aber „eigentlich aus einem ganz anderen Kulturkreis“. Zwar hat auch der Jazzmusiker Jiri Stivin dann und wann klassische Renaissance- und Barockmusik gemacht, aber nun gaben Musiker den Ton an, die ganz entscheidend von der – vor allem romantischen – Klassik  geprägt sind, aber trotz dieser Verwurzelung in einer europäischen Musikkultur  berühmte, aber sehr bedachtsam ausgewählte Standards des „Great American Songbook“ auf ihre Weise präsentieren wollen. So ist die Amerikanerin Lisa Griffith keine Jazzsängerin, sondern eine klassische Sopranistin und Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein, die natürlich häufig das klassische Vibrato einsetzte und deren Stimme vor allem in den hohen Lagen eine beeindruckende Strahlkraft entfaltete. Zwar wurde vom Pianisten und Bassisten jazz-gemäß improvisiert, aber vor allem Wolfram Goertz spielte – auch in Intonation und Phrasierung - betont kultiviert, konzertant, delikat, gefühlvoll und oft legato  und besinnlich, so dass von ihm sogar einmal – als ein verstohlener Gag - Richard Wagners berühmter Tristan-Akkord eingesetzt wurde. Auch rhythmisch agierte man zurückhaltend, hier sollte nichts fetzig, geschweige denn groovig klingen. Innerhalb des in Stimmung und Tempo eher verhaltenen Repertoires erklang so nur eines der Gershwin-Stücke, nämlich „I Got Rhythm“, in einer schnelleren Gangart. Wolfram Goertz` Ziel war offenbar eine gefällige und zugleich niveau- und geschmackvolle Symbiose von europäischer Musikkultur und neuerer, qualitätvoller amerikanischer Popular Music und natürlich nicht das vermessen ambitionierte Ansinnen, quasi á la  Keith Jarrett amerikanische Standards möglichst kunstvoll, virtuos und neuartig zu interpretieren.

 

Nicht von ungefähr schloss das Konzert mit „Tonight“, einem Pop- und Musicalhit, aber komponiert von einem charismatischen Superman der klassischen Musik. Der Amerikaner Leonard Bernstein hat die Vereinbarkeit dieser beiden Kulturen in grandioser Weise realisieren können, und mit einem natürlich weitaus bescheideneren Anspruch war das wohl auch ein musikalisches Konzept, das Wolfram Goertz bei diesem Konzert vorschwebte. So erinnerte wiederum nicht von ungefähr manches in diesem Konzert an Klänge aus einem Musical, das bekanntlich u.a. eine Mischung aus europäischer Oper bzw. Operette und amerikanischem Jazz ist.

 

Wenn Wolfram Goertz sich schon vor dem ersten Gang zum Klavier in wohl ebenso ehrlicher wie leicht kokettierender, selbstkritischer Bescheidenheit als „dilettierenden Musikkritiker“ bezeichnete, mit dem man „ein wenig gnädig“ sein solle, so bestätigte er nur, dass er zwar ein durchaus versierter und respektabler Pianist ist, aber  jedenfalls als Jazzpianist nicht mit der Brillanz aufwarten kann, die ihn als Musikkritiker so sehr auszeichnet. Aber als solcher verfügt er eben über solch einen überaus reichen Fundus an Musikkenntnis und Geschmack, dass dieses Konzert Stil und ein ebenso eingängiges wie sehr kultiviertes Flair hatte. Deshalb war es etwas bedauerlich, dass das Publikum sich nicht veranlasst sah, die vom Trio sicherlich einkalkulierte Zugabe zu erklatschen. Aber vielleicht ist man in der Provinz manchmal eher geneigt, ein „tonight“ nach 23 Uhr für ein Zu-Spät zu halten oder es dominierten im Publikum die Jazz-Puristen.