Moderner und eigenständiger Gypsy-Jazz-Sound

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Die diesjährigen Viersener Gitarrentage im Varieté Freigeist wurden am 25.4.2013 eröffnet mit einem Konzert des Trios des Gitarristen Joscho Stephan.

Mit seinem modernen Gypsy-Swing hat der 33-jährige Mönchengladbacher inzwischen weltweit und sehr erfolgreich viele Tourneen bestritten und höchstes Lob von der Fachpresse erhalten, von den amerikanischen Fachzeitschriften „Guitar Player“ und „Acoustic Guitar Magazine“ bis zu deutschen Magazinen  wie „Gitarre & Bass“ und „Jazzpodium“.

 

Besondere Charakteristika seiner Gitarrenkunst sind – obwohl mehr oder minder Autodidakt – seine stupende technische Virtuosität, die besonders in seinen Uptempo-Stücken und vor allem in seinen äußerst rasanten Läufen deutlich wird, sein traumhaft sicheres und entspanntes Timing, das vor allem in den Midtempo-Stücken zu spüren ist, und sein intensives Feeling, das natürlich am stärksten in den Balladen auffällt.

 

Aber die herausragendste Qualität seiner Musik ist, dass er er trotz seiner grundsätzlichen Verankerung im Gypsy-Swing nicht ehrfürchtig in dessen Traditionen und Vorbildern verharrt, sondern immer wieder und oft sehr subtil die Grenzen seines Genres überschreitet und offen ist für Einflüsse aus Blues, Rock, Pop, Latin, Klassik und natürlich aus den verschiedenen Facetten des Jazz, so dass seine Musik eine sehr eigenständige Färbung und eine jugendlich-lockere Frische hat. Gerade durch diese stilistische Offenheit befördert er den kreativen Fortbestand des von ihm präferierten Gypsy-Swing, so dass nicht von ungefähr ein namhaftes amerikanisches Fachmagazin geschrieben hat, er repräsentiere die Zukunft der Gypsy-Jazz-Gitarre.

 

Diese stilistische Flexibilität wird allein schon in seinem Repertoire deutlich. Da wurde im Konzert im Varieté Freigeist mit Charlie Chaplins „Smile“ besonders berühmte Filmmusik interpretiert. Da wurde aus der klassischen Musik eine Komposition von Edvard Grieg in einer recht blueshaften, balladesken Version dargeboten. Da wurde vor allem über Standards aus dem Mainstream-Jazz improvisiert. Und da musizierte der Gitarrist über melodisch und rhythmisch sehr ansprechende Eigenkompositionen. Aber natürlich gab es in diesem Konzert auch Stücke vom absoluten Gypsy-Jazz-King Django Reinhardt, die Joscho Stephan aber nicht einfach nur ehrerbietig und puristisch nachspielte, sondern in seinem individuellen Sound und in seiner persönlichen Melodik   präsentierte. Anders würde ihm das, wie er selbst sagt, gar keinen Spaß machen. Denn in seiner Spielfreude will er mit seiner Musik nicht nur dem Publikum u.a. auch Spaß und Unterhaltung bieten, sondern auch selbst Spaß am Musizieren haben, was auch daran deutlich wurde, dass er z.B. häufig - kurz und sehr geschickt in seine Improvisationen integriert – Musikstücke bezeichnenderweise vor allem aus anderen Genres zitierte.

 

Wie sehr bei allem Traditionsbewusstsein die genreübergreifende Verschmelzung mit anderen stilistischen Einflüssen bei Joscho Stephan zu einer sehr persönlichen und individuellen musikalischen Handschrift geführt hat, wurde im Konzert an zwei Stücken besonders deutlich, die auch beide besonders berühmte und erfolgreiche Standards sind und die man deshalb auch am ehesten mit den Originalversionen vergleichen konnte.

 

Einerseits war dies einer der beiden Duke-Ellington-Klassiker aus der Swing-Ära, nämlich Ellingtons Erkennungsmelodie „Take The A-Train“, die neben „Caravan“ von Joscho Stephan interpretiert wurde. Aber aus dem wuchtigen Express-Zug nach New York, den Ellington realiter seinem Pianisten Billy Strayhorn, dem Komponisten dieses Stückes, empfohlen hatte, schien  in der Version von Joscho Stephan ein eher schnittiger Reisezug geworden zu sein, in dem Menschen sitzen, die fröhlich und erwartungsvoll in die Ferien fahren. Aus der markigen Big-Band-Hymne war ein heiteres, gutgelauntes Kabinettstück in kammermusikalischer Besetzung geworden. Dieser Eindruck ergab sich vor allem dadurch, dass der Gitarrist überraschend und sehr raffiniert in einem beschwingten Drei-Viertel-Takt, also in einem Walzer-Rhythmus, begann, dann - zuerst subtil und fast unmerklich -  in einen relaxt swingenden Vier-Viertel-Rhythmus überging und dieses ebenso heitere wie raffinierte Wechselspiel am Ende wiederholte. Wie wenig aufgesetzt die Heiterkeit dieser Uminterpretation  war und wie sehr sie auch mit der Person des Musikers selbst zu tun hat, konnte das Publikum immer wieder erleben, wenn Joscho Stephan zwischen den Stücken seine amüsanten, witzig-kessen und launigen Ansagen machte, die das Publikum immer wieder zum Lachen brachte und die sehr angenehme Atmosphäre des Konzertes noch verstärkte.

 

Andererseits spielte er auch das wohl berühmteste und schönste Django-Reinhardt-Stück, die schwermütig-melancholische Ballade „Nuages“. Aber gerade bei diesem klassischen Gypsy-Jazz-Stück wurde besonders in der langen Coda, einer unbegleiteten notenreichen Solo-Paraphrase, umso deutlicher, wie sehr er doch auch gern wie ein moderner Mainstream-Swinger phrasiert und  harmonisch modernere, komplexe und exquisite Akkorde einsetzt.

 

Bekanntlich wird Joscho Stephan auf der nächsten, seiner 8. CD die Schranken des Gypsy-Swing noch viel weiter überschreiten, wenn er in einer ganz anderen Besetzung, nämlich mit E-Piano, E-Bass, Schlagzeug und z.T. mit Flöte, eine Exkursion in Richtung Fusionjazz unternimmt. Schon am Jahresanfang konnte ein – wie jetzt im April auch im Januar - begeistertes Publikum die vorläufige Fassung dieser CD im Viersener Tommy´s Workshop erleben.

 

Im sehr nahe gelegenen Varieté Freigeist trat er aber noch mit seiner Kerntruppe auf, d.h. mit seinem schon 17 Jahre blendend auf ihn eingespielten Vater an der Rhythmusgitarre, aber mit Volker Kamp als neuem Bassisten, dessen Soli sehr versiert ein musikalisches Ziel widerspiegelte, das auch Joscho Stephans Musik auszeichnet, nämlich eine betörend wohlklingende Melodiösität.