Hut ab!

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Beim Viersener Jazzfestival 2012 musste der Sänger Roger Cicero sein Konzert kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen, machte aber die großzügige Zusage, dieses Konzert ohne neue Kosten für die Karteninhaber nachzuholen.

Dies erwies sich am 14. April 2013, also ein halbes Jahr später, nicht nur als kein leeres Versprechen, sondern als ein echter Zugewinn. Denn einerseits konnten die Zuhörer seine Musik ganze 2 Stunden genießen, während sein Konzert  im Rahmen des Festivals eine halbe Stunde kürzer ausgefallen wäre, und sie konnten sich voll auf seinen Auftritt konzentrieren, ohne von parallel laufenden Festivalbeiträgen abgelenkt oder aufgehalten zu werden. Andererseits wurde diese Wiedergutmachung zur Begeisterung des Publikums mit außerordentlicher Verve und Spielfreude sowie mit einem Volle-Pulle-Einsatz der Musiker vollzogen.

 

Für das nachgeholte Konzert, das wie das geplante Konzert im September 2012 schon Wochen vorher ausverkauft war, hatte man die Festhalle wieder in bewährter Weise so wie vor allem bei popnahen Musikevents eingerichtet. In der eigentlichen Halle hatte man die Bestuhlung entfernt und Stehtische aufgestellt, auf denen man nicht nur Getränke abstellen, sondern sich auch nach Bedarf mal aufstützen konnte, falls u.U. vom langen Stehen der Rücken zwickte. Sitzplätze gab es nur auf den Balkonen und dort war schon 35 Minuten vor Konzertbeginn kein freier Platz mehr zu ergattern. Vor allem bei den auf eine bequeme Sitzfläche erpichten Besuchern fiel auf, dass eine deutliche Mehrheit auch von gesetzterem Alter war, während die jüngeren Generationen sich überwiegend vor der Bühne tummelten. Aber dieser rege Zuspruch von „middle-aged and elderly people“ schien schließlich in gewisser Weise auch zu der zu erwartenden Musik zu passen, denn der  Sänger war bekanntlich berühmt geworden durch eine stilistisch relativ retro orientierte Musik, die vor allem an den eleganten Swing der 50er-Jahre anknüpfte.

 

Fotos: Ana Maria Vogel

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Aber nach dem ersten Stück mit dem hier witzig-beziehungsreichen Titel „Alles kommt zurück“ legte er überraschenderweise mit einer Musik los, die kaum noch Nostalgisches an sich hatte, sondern überwiegend sehr jazzig und groovig-fetzig war und darüber hinaus unüberhörbar deutliche  Elemente aus Rock und Funk einbezog, so dass klar wurde, dass sich der inzwischen 42-jährige Roger Cicero längst aus dem als zu eng empfundenen Swing-Korsett befreit hat.  Ob das den älteren Semestern gefallen würde ? Offenbar ja, wie der jeweils begeisterte Beifall deutlich machte. Selbst puristisch ausgerichtete Jazzfans, denen seine Musik eher zu kommerziell erscheint, dürften hier auf ihre Kosten gekommen sein. Im zweiten Teil des Konzertes überwog dann die popnähere, u.a. Elemente aus Soul, Blues und Latin einsetzende Musik, was auch an der nun geringeren Zahl der jazzigen, durchaus anspruchsvollen Instrumentalsoli zu erkennen war. Er bot also eine abwechslungsreiche Mischung vor allem aus Jazz, aus dem er als Sohn eines sehr berühmten Jazzpianisten kommt, und Popmusik, eine Melange, mit der er geschickt verschiedene Altersgruppen und verschiedene musikalische Vorlieben anzusprechen vermochte.

 

Unterstützt wurde er dabei von einer 12-köpfigen Big Band, die die vorzüglich konzipierten und raffinierten Arrangements, an deren Ausarbeitung er jeweils selbst mitwirkt, perfekt umzusetzen verstand. Wie sehr Roger Cicero ein vielseitig und professionell ausgebildeter Musiker ist, wurde sozusagen nebenbei auch dadurch deutlich, dass er in zwei Stücken als gewiefter Instrumentalist tätig wurde, einmal als Gitarrist und einmal – in der dritten und letzten Zugabe - als Keyboarder.

 

Aber natürlich ist er in erster Linie ein Sänger, der sein Metier 5 Jahre lang an einer holländischen Kunst-Hochschule studiert hat und seine klare und markante männliche Stimme, die gleichermaßen Energie, Emotion und Lässigkeit ausstrahlt, sehr flexibel und in einem eigenen, individuellen Stil einzusetzen weiß. Sein besonderes Verdienst ist aber bekanntlich, dass er einer von den ganz wenigen ist, der ganz selbstverständlich und voll überzeugend den stark von amerikanischen Croonern à la Frank Sinatra geprägten Gesangsstil mit deutschen - und zudem niveauvollen, oft amüsant-cleveren bzw. chansonhaften - Texten zu präsentieren vermag.

 

Und schließlich ist er auch ein sehr geschickter und charmanter sowie auf der Bühne sehr agiler  Entertainer, so dass seine Musik dadurch noch mitreißender über die Rampe kam und  immer wieder vor allem die begeisterten jüngeren Zuhörer zum fröhlichen Mitsingen und rhythmischen Klatschen animierte.

 

Bei allem Respekt vor der Leistung des englischen Sängers Alexander Stewart und seiner – z.T. zudem erst kurzfristig dazugekommenen - Mitmusiker, die auf dem Jazzfestival 2012 als Ersatz für den erkrankten Roger Cicero eingesprungen waren, ergab sich doch der eindeutige Eindruck, dass dieses Cicero-Konzert – und durchaus nicht nur wegen der Power und Klasse der Big Band –  von einem anderen Kaliber war und in einer anderen, nämlich höheren Liga spielte.