Interview mit Joscho Stephan

von 

Interview mit dem inzwischen weit über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus hochgelobten und erfolgreichen Mönchengladbacher Gitarristen JOSCHO STEPHAN.

 

Anlässlich seines Konzertes am 31.1.2013 in Tommy´s Workshop in Viersen, in dem er seine neue CD „Acoustic Rhythm“ vorstellte. Die Fragen stellte Hans-Dieter Heistrüvers.

 

Auf Ihrer neuen CD „Acoustic Rhythm“ haben Sie Ihre Musik und Ihr ebenso melodiöses wie virtuoses Gitarrenspiel besonders weitgehend über den Bereich Ihres sowieso schon moderneren Gypsy-Jazz hinaus erweitert. Das reicht von der Instrumentierung, bei der neben Ihrer Lead-Gitarre - statt der Rhythmusgitarre und oft der Geige -  nun das E-Piano und der E-Bass bestimmend sind, bis zur entscheidenden neuen stilistischen Ausrichtung bzw. musikalischen Exkursion, die neben starken Latin-Jazz-Elementen vor allem in Richtung Fusion- und Smooth-Jazz tendiert, zwei Jazzstile, die von den Jazz-Puristen leider immer kritischer bewertet werden. Was hat Sie zu dieser Genre-Überschreitung veranlasst ?

Ich mache nun seit mittlerweile 17 Jahren Gypsy-Swing und habe auch dort in den vergangenen Jahren immer versucht, das Genre (so weit wie möglich) mit anderen Stilrichtungen zu kreuzen  bzw. meine Einflüsse aus den Bereichen Jazz, Rock, Blues und Latin mit einfließen zu lassen. Die wahrscheinlich stilistisch größte Erweiterung haben wir auf unserer letzten CD „Gypsy meets the Klezmer“ vollzogen. Dort hat sich unser Gypsy-Trio mit dem fantastischen Klezmer-Virtuosen Helmut Eisel zusammengetan. Diese Verbindung der beiden Stile (Gypsy-Swing und Klezmer) hat es bisher in dieser Form noch nicht gegeben. Das Lob von Presse und Publikum war sehr groß und hat mich natürlich auch dazu bewegt, weiter in diese Richtung zu denken.

Mit „Acoustic Rhythm“ kann ich viele meiner Vorlieben ausleben, die in der Gypsy-Swing-Instrumentierung (mit Geige, Rhythmusgitarre und Kontrabass) nicht ohne weiteres spielbar sind. Der Einsatz von E-Piano, E-Bass und Schlagzeug hat mir da sehr viel mehr Freiraum gegeben. Einen großen Fehler wollte ich allerdings auf jeden Fall vermeiden, nämlich mein Spiel oder meinen Sound grundlegend zu verändern. Zu Beginn der ersten Proben und Auftritte habe ich auch mal zur E-Gitarre gegriffen, da habe ich dann aber auch tatsächlich negative Kritik erfahren, und zwar nur aus dem Grund, weil man meinen gewohnten Sound nicht mehr herausgehört hat. Mein Spiel wurde durch die E-Gitarre beliebiger. Ich denke, da sollte man als Musiker nicht zu verkopft sein und auch bewusst darüber nachdenken, warum das Publikum seit Jahren zu den Konzerten kommt oder unsere CDs kauft. Seit ungefähr einem Jahr spiele ich ausschließlich akustische Gitarre, und unser Schlagzeuger Thomas Kukulies spielt sein Set nur noch mit Besen, dadurch spielen wir weniger laut als die meisten Gruppen in diesem Genre, und ich kann mich auch mit der Akustikgitarre durchsetzen. Diese konzeptionelle Änderung ist voll aufgegangen, denn das Publikum reagiert nun äußerst euphorisch auf diese neue Besetzung, da deren Musik zwar musikalisch tatsächlich anders ist, aber der gewohnte „Joscho Stephan Sound“ bestehen bleibt.  

 

 

Ein sehr namhafter deutscher Jazzkritiker, der das deutsche Standardwerk über „Jazzgitarristen“ geschrieben hat, bezeichnet Sie schon im Alter von 33 Jahren als eine “Ikone des deutschen Gypsy-Swing“. Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, eingefleischte Gysyjazz-Fans zu vergraulen oder bei der vor allem in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einflussreichen deutschen Jazzpolizei den üblichen Vorwurf einzuheimsen, diese neue CD sei zu kommerziell, wenn z.B. der ebenfalls als Gypsyjazz-Gitarrist berühmt gewordene Franzose Bireli Lagrene deutliche Einbußen an Prestige und finanziellem Erfolg hinnehmen musste, nachdem er sich zeitweise dem Rockjazz zugewandt hatte ? Und wenn es ein Risiko ist, was macht Sie so erfreulich selbstbewusst und eigenständig, es einzugehen?

Der erste Teil der Frage ist natürlich gerade schon beantwortet worden. Durch die akustische Gitarre wird das Risiko des Publikumsverlusts wesentlich geringer. Ich denke, bei Bireli Lagrene war der Unterschied zu krass. Eben noch akustische Django-Gitarre, im nächsten Moment verzerrte Rockjazz-Gitarre. Mir hat das alles gut gefallen, allerdings bin ich Musiker und nicht nur reiner Zuhörer. Das Publikum hat natürlich andere Erwartungen, und sich darauf einzustellen ist für Künstler oft nicht leicht. Man will sich verändern, aber das Publikum soll das gleiche bleiben. Das ist meist nicht möglich. Ich denke, bei mir besteht die Gefahr nicht, da der Gypsy-Swing auch in Zukunft 80% meiner Konzerttätigkeit ausmachen wird. Das Projekt Acoustic Rhythm ist nur ein zusätzliches Bonbon, und zwar für uns Musiker als auch für das Publikum, bzw. besonders für dasjenige Publikum, das auch gerne mal etwas anderes hören möchte. Solche Zuhörer gibt’s ja zum Glück auch noch. Ob das Ganze der Jazzpolizei zu kommerziell ist, interessiert mich weniger. Da halte ich es mit Duke Ellington: Es gibt nur gute oder schlechte Musik, ich denke, das hat nichts mit Jazz oder Pop, Kunst oder Kommerz zu tun. Gute Musik, die auch noch einen gewissen Unterhaltungswert hat, habe ich immer geschätzt. Von daher ist dieses Projekt auch echt bzw. ehrlicher, als wenn ich versuchen würde, Modern Jazz zu spielen, von dem ich gar keine Ahnung habe. Das Wichtigste ist für mich immer der Respekt. Ich respektiere alle guten Musiker, egal ob Popmusik oder Modern Jazz. Solange man die Leidenschaft der Musiker spürt, spielt das Genre keine Rolle. 

 

Foto: Ana Maria Vogel 

 

Stimmt der Eindruck, dass Sie bei den zahlreichen Coverversionen von Kompositionen vor allem aus der Popmusik und von Jazzgitarrenstars besonders bestrebt sind, möglichst individuelle und eigenwillige Interpretationen zu präsentieren, so dass z.B. der Wes-Montgomery-Klassiker „Road Song“ fast völlig ohne die für diesen Gitarristen so typischen akkordreichen Oktaven-Griffe dargeboten wird oder „Blackbird“ bei Ihnen viel temperamentvoller und heiter-beschwingter klingt als die eher melancholische Originalversion der Beatles ?

Wir sind ja keine Cover-Band, sondern eine Gruppe von Musikern, die etwas Eigenständiges machen wollen, wobei wir unsere Einflüsse und musikalischen Helden mit einbeziehen wollen. Ohne die Beatles und Santana würde ich heute keine Musik machen. Diese Musiker waren für mich ebenso wichtig wie Django Reinhardt. Allerdings spiele ich schon seit Jahren keine Original- Django-Soli mehr nach, da es das alles schon einmal gegeben hat, und ich nicht der hundertste Gitarrist sein will, der den Django- Klassiker „Minor Swing“ Note für Note spielt. Bei Acoustic Rhythm sehe ich das ganz ähnlich. Eine Santana- oder Benson-Nummer so zu spielen wie das Original wäre mir zu langweilig. Von daher haben wir viel Zeit investiert, um aus allen gecoverten Versionen etwas Eigenständiges zu machen.

 

Wer hat die sehr einfallsreichen und raffinierten Arrangements geschrieben ?

Hauptsächlich stammen die Arrangements von mir und Thomas Kukulies, der ein wunderbarer Latin-Schlagzeuger und -Percussionist ist. Durch Ihn haben wir ganz klar die Latin-Färbung in die Besetzung hereingenommen. Thomas ist seit über 30 Jahren Mitglied bei Salsa Picante (die erste Salsa-Formation Deutschlands) und hat auch dort sehr viele Arrangements geschrieben.

 

Wie kam es zu der Idee, auf ein paar Stücken das Quartett um einen Flötisten zu erweitern, den sehr guten ehemaligen Paco-de-Lucia-Mitmusiker Domingo Patricio ?

Der Kontakt zu Domingo ist durch unseren Bassisten Nico Brandenburg zustande gekommen. Nico hat lange Zeit mit dem fantastischen Flamenco-Gitarristen Rafael Cortes zusammengespielt, und in dieser Zeit Domingo kennengelernt. Ich selbst habe Domingo vor ein paar Jahren in Polen das erste Mal getroffen (auf einem Gitarrenfestival, dort war auch Paco de Lucia zu Gast). Bei den Aufnahmen hatten wir die Idee, das Quartett bei 2 – 3 Nummern um einen Gast zu erweitern. Domingo war da für uns erste Wahl. Ich denke, dass wir Ihn auch bei größeren Auftritten und Festivals mit dabei haben werden.

 

Foto: Ana Maria Vogel

 

Gab es eine besondere Strategie oder Methode, mit der es Ihnen so überzeugend gelungen ist, den alten Gypsy-Swing und die akustische Gitarre so geschickt, charmant und geschmackvoll mit moderneren, poppigeren Klängen und Rhythmen zu verschmelzen ? Setzen Sie hier z.B. bewusst nur ein reduziertes Vibrato ein ? 

Im Prinzip habe ich ja auch als Gypsy-Swing-Gitarrist den Ruf, kein Purist zu sein. Genau wie Django 1936 klingen zu wollen, war nie mein Ziel. Natürlich kann ich bei Acoustic Rhythm noch viel mehr Vorlieben einbringen. In Bezug auf die Einflüsse von Blues, Jazz oder Rock wie auch auf  Grund dieser Besetzung kann ich noch offener agieren. Bewusst habe ich das allerdings nicht gemacht, sondern aus dem Gefühl heraus. Ich bin kein Musiker, der studiert hat und über konventionelle Wege nachdenkt. Ich probiere eher vieles aus und verlasse mich auf mein Bauchgefühl.

 

Wie sehr sind Sie betroffen von den großen Absatzproblemen der regulären Musikindustrie, vor allem in Bezug auf den durch das Internet bedingten starken Rückgang beim Verkauf von CDs, und wie wichtig sind deshalb für Sie Tourneen und Konzerte ?

Ich denke, dass selbst die bedeutenden Jazzmusiker schon seit Jahren von Konzerten (Festivals und Clubs) abhängig sind, da die Verkaufszahlen im Bereich Jazz noch nie berauschend waren. Natürlich werden in dem Bereich auch illegale Downloads durchgeführt, aber im Vergleich mit der populären Musik dürften diese minimal sein. Über den Handel läuft im Allgemeinen sehr wenig, da es kaum noch Musikfachgeschäfte gibt, sondern nur die üblichen Elektronik-Riesen. In deren CD-Abteilungen werden die Verkaufsbereiche für Jazz und auch für Klassik immer kleiner. Dort setzt man oftmals fast nur noch auf die Best-of-CDs der großen Namen  (z.B. Louis Armstrong, Miles Davis, Django Reinhardt etc.). Dementsprechend verkaufen wir unsere CDs nur noch über den Internethandel (Amazon, JPC) oder bei Konzerten. Das hat mich auch dazu veranlasst, ein eigenes Label zu gründen (www.mgl-musik-produktion.de), da ich dadurch viel freier in meinen Entscheidungen bin, z.B. wann und mit welcher Formation ich eine neue CD veröffentlichen will. Das Risiko ist relativ gering, da ich mittlerweile über ein eigenes kleines Studio verfüge und dadurch auch kostengünstig produzieren kann. Die erste richtige Veröffentlichung auf meinem Label war unsere letzte Produktion „Gypsy meets the Klezmer“. Als Vertrieb konnte ich InAkustik gewinnen. Das Allerbeste an der ganzen Sache ist: Die Verkäufe über das eigene Label und den Vertrieb waren zumindest erfolgreicher als meine beiden letzten CDs, die ich extern produziert hatte. Von daher habe ich meinen Entschluss, ein eigenes Label zu gründen, auch nicht bereut. Konzerte bilden natürlich trotzdem noch die Haupteinnahmequelle, allerdings ist auch der Bereich Workshops mittlerweile für mich ein sehr bedeutungsvoller Aspekt geworden,  da ich einer der wenigen Gypsy-Swing-Gitarristen bin, der Intensivkurse anbietet. Diese laufen sehr gut, ebenso wie der gerade erst gestartete Online- Unterricht (http://www.gypsyguitaracademy.com/). Ich denke es ist sehr gut als Musiker verschiedene Standbeine (Label, Konzerte, Unterricht etc.) zu haben, damit man auch mal eine Flaute in einem der Bereiche mit einem anderen abdecken kann.

 

Ist das damit verbundene viele Reisen für Sie eine einfach unvermeidbare Strapaze oder überwiegen beim vielen Reisen die positiven Aspekte?

Wenn ich in Deutschland unterwegs bin, empfinde ich das Reisen nie als stressig, da die vielen Autobahnkilometer zu meinem Leben gehören und ich diese Art des Tourens schon seit Jahren gewöhnt bin. Die Auslandsreisen mit teilweise 4 – 6 Flügen (je nach Verbindung) schlauchen da schon mehr. Von daher versuche ich die Auslandsaktivitäten immer so zu verteilen, dass ich zumindest immer 1 – 2 Monate nur in Deutschland unterwegs bin, und erst dann wieder ein Festival oder eine Tour im Ausland spiele. Die Auftritte selbst waren in der ganzen Welt (USA, Australien, Polen, England, Italien, Spanien, Kroatien, Slowenien, Frankreich etc.) immer ein voller Erfolg. Leider sieht man als Musiker von den einzelnen Ländern weniger als die meisten Menschen vermuten. Es sind natürlich „Geschäftsreisen“, von daher ist die Freizeit meist nur knapp bemessen.

 

Wie viel müssen Sie am Tag üben, um sich Ihre – als Autodidakt erworbene - virtuose Technik zu erhalten?

Ich über sehr gerne, allerdings fehlt mir durch die vielen Aktivitäten oftmals die Zeit. Ich versuche allerdings mich im Schnitt 1 – 2 Stunden am Tag mit der Gitarre zu beschäftigen.

 

Wie bewusst vermeiden Sie es, dass diese virtuose Technik zum showy Selbstzweck wird?

In jungen Jahren habe ich es oftmals übertrieben und gemerkt, dass ich mein Publikum öfter mal „kaputt“ gespielt habe. Aus diesem Fehler habe ich natürlich gelernt und deshalb dosiere ich mein Programm heute ganz anders. Ich denke auch, dass die Reihenfolge eines Programms sehr wichtig ist, das soll heißen: 3 schnelle Nummern nacheinander sind genauso schlecht durchdacht wie 3 Balladen nacheinander. Auch der Anteil meiner Ansagen bzw. Anekdoten ist größer geworden, da man so eine Nähe zum Publikum aufbauen kann, die durch bloßes Gitarrespielen nicht möglich ist. Allerdings finde ich es beim Konzert auch o.k., mal ein bisschen Technik zu zeigen, da es auch den Unterhaltungswert eines Konzerts steigert. Bei CDs bin ich da viel vorsichtiger.

 

Wie oft und bei welchen Gelegenheiten greifen Sie zur elektrischen Gitarre?

Eigentlich sehr selten, da ich eingesehen habe, dass mich die akustische Gitarre schon mein halbes Leben begleitet, und mein Sound auf der E-Gitarre deutlich beliebiger ist. Trotzdem spiele ich ab und zu ganz gerne mal auf meiner E-Gitarre (einer sehr schönen Gibson L4), hauptsächlich allerdings dann, wenn ich als Gast mit dem Tilo-Bunnies-Trio spiele. Tilo macht Musik im Stil Oscar Petersons, und da ist die E-Gitarre natürlich prädestiniert durch all die berühmten Kollegen, mit denen Oscar Peterson gespielt hat (Barney Kessel, Herb Ellis, Joe Pass, Ulf Wakenius etc.)

 

Was geht in Ihrem Kopf vor, wenn Sie improvisieren, vor allem wenn Sie dabei sehr rasante Läufe spielen?

Ich bin natürlich Improvisator, von daher ist es immer ein Mix aus  Spontanität und aus schon  vorher entwickelten Ideen. D.h.: Bei technisch schweren Passagen muss man natürlich auch auf Standard-Material zurückgreifen, das man über die Jahre entwickelt hat. In Tempo 280 fallen einem meist nicht spontan die waghalsigsten Läufe ein. Wer das erzählt, der lügt J. Bei Balladen oder Medium- Stücken verhält es sich ganz anders, da kann ich meinem improvisatorischen Gespür freien Lauf lassen.

 

Welche Gitarristen schätzen Sie neben Django Reinhardt inzwischen am meisten ?

Der wirklich erste Einfluss waren die Beatles, später ging es allerdings immer mehr in Richtung Gitarre. Meine ersten großen Helden waren Carlos Santana und Gary Moore. Dann kam eine kurze Joe-Satriani-Phase, diese wurde aber dann schon schnell von Django und anderen Jazzmusikern abgelöst (Wes Montgomery, George Benson). Natürlich waren auch das Rosenberg Trio und Bireli Lagrene als Neuerer des Gypsy-Swings wichtige Einflüsse für mich. Durch meine Engagements in Nashville habe ich dann erst den Fingerstyle von Chet Atkins kennen und schätzen gelernt. Dort durfte ich mit großartigen Gitarristen wie Tommy Emmanuel und auch Richard Smith spielen, von denen ich sehr viel gelernt habe. Die letzten beiden Gitarristen, die mich wirklich umgehauen haben, waren zwei Argentinier. Zum einen Oscar Aleman, der zur gleichen Zeit wie Django ähnliche Musik gespielt hat, allerdings sehr unbekannt ist. Der andere ist Luis Salinas.