Alle kamen als „die Mutter“ rief

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100 Jahre Festhalle – das muss gefeiert werden in Viersen. Über ein Konzerthaus mit einer so guten Akustik verfügen nicht gerade viele Städte in der Größenordnung der Kreisstadt.

Und die Idee, dieses Ereignis mit einem Konzert angemessen zu würdigen war schnell geboren. Waren in den letzten beiden Jahren Nigel Kennedy und David Garrett gefeierte Gaststars in Viersens „bester Stube“, so war zum Jubiläum die Luft nach oben natürlich schon ziemlich dünn geworden.

 

Anne-Sophie Mutter, gehört nach wie vor zum erlauchten Kreis der Weltstars auf der Violine. Ihrem frühen Ruhm als Wunderkind folgte ab Mitte der 70er Jahre eine einzigartige Karriere, die sie als Solistin in die bedeutendsten Konzerthäuser rund um die Welt führte. Dass sie dabei die moderne Musik durch Aufführungen und Einspielungen förderte  führte dazu, dass viele zeitgenössische Komponisten ihr Werke widmeten. Der polnische Komponist Witold Lutoslawski schrieb seine Partita für Violine und Klavier für Anne-Sophie Mutter in eine Fassung für Violine und Orchester um. Die drei Sätze erinnern formal an die barocke Partita, sind verbunden mit „Ad libitum“ Zwischensätzen und erfordern ein intensives Zusammenspiel von Solist und Orchester, zumal improvisiert anmutende Passagen jede Nachlässigkeit offenbaren würden. Anne-Sophie Mutter bewältigte nicht nur die hohen Anforderungen an die Technik, sie gab dem Werk Seele und verdeutlichte  die ihm innewohnende Energie auf phänomenale Weise. Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 galt nach seiner Entstehung als unspielbar und wird heute zu den Meisterwerken des russischen Komponisten gezählt. Dieses romantische Schwergewicht zu stemmen stellte sich für eine äußerst konzentriert zu Werke gehende Anne-Sophie Mutter als wunderbare Aufgabe dar. Ganz Mittelpunkt stellte sie die Themen im ersten Satz vor, mit überragendem Ton auf ihrer Stradivari(?), hochemotional und am Ende derart verdichtet, dass schon nach dem ersten Satz sich das Publikum mit Applaus nicht zurückhalten konnte. Der nahezu einfache Charakter des zweiten Satzes mit folkloristisch anmutenden Melodien verschaffte einen Moment der Ruhe und Entspannung. Finale: Allegro vivacissimo fordert noch einmal Solistin und Orchester heraus, wobei sich zwischenzeitlich wunderbare Zwiegespräche zwischen Violine und Holzbläsern entwickeln, voller Sinnlichkeit und tiefem musikalischen Verständnis. Der Schluss ist komponiert für den Solisten – hier kann noch mal gezeigt werden, was alles so möglich ist, Anne-Sophie Mutter gibt wirklich alles, das Orchester lässt sie nicht allein, ein Finale furioso, nach welchem keiner mehr an eine Zugabe denken kann. Stattdessen langer Applaus und stehende Ovationen.

 

Foto: Ana Maria Vogel 

Die Sinfonia Varsovia unter der dezenten Leitung von Michael Francis stellte sich erneut als ein hervorragend funktionierender Klangkörper dar. Kein Wunder, dass das Orchester von namhaftesten Solisten immer wieder gebucht wird. Benjamin Brittens “Variations on a Theme of Frank Bridge op. 10” erklangen in farbiger Vielfalt und äußerst stimmiger Darstellung der verschiedenen Atmosphären, welches vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde. Mit einer eindringlichen Interpretation  von Arvo Pärts „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ eröffnete die Sinfonia den zweiten Konzerteil – meditativ, aus kleinen Strukturen immer wieder neue Klangflächen entwickelnd, sehr spannend und  mit einem immer wiederkehrenden Glockenmotiv den Gedanken an die Endlichkeit heraufbeschwörend.

 

Ein äußerst gelungenes Programm mit Bezügen zum Jubiläum – Lutoslawski und Britten sind beide Jahrgang 1913 – mit einer vorzüglichen Solistin und einem tollen Orchester stellten sich als idealer Auftakt für das Festjahr heraus.

 

Foto: Ana Maria Vogel 

Alle kamen,… natürlich war das Konzert ausverkauft, Sponsoren wie die Sparkasse und der Förderverein Viersener Festhalle halfen kräftig mit, um dieses Ereignis durchzuführen. Und der Glanz des Weltstars erlaubte Reminiszenzen an die große Zeit der Festhalle, als sich die bekanntesten Namen der Szene die Klinke in die Hand gaben, um Konzerte und Aufnahmen in Viersen zu realisieren.

 

Bürgermeister Günter Thönnessen fasste sich kurz bei der Überreichung der Blumen. Für viele fand er die richtigen Worte, als er darauf verwies, dass die Künstler diesem Raum die Seele geben. Anne-Sophie Mutter hatte ihm durch ihr Konzert Recht gegeben.