Projektleiter der Floriade Sven Stimac im Interview

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Exclusiv das Interview mit Sven Stimac vorab, aus dem Ende Juli erscheinenden "Magazin ohne Grenzen".

 

Sie sind Deutscher, der als Projekt-Verantwortlicher eineSven Stimac Projektleiter der Floriade in "Arbeitskleidung" niederländische Weltgartenbauausstellung mitgestaltet, wie arbeitet es sich auf der anderen Seite der Grenze, die eigentlich keine mehr ist ?
Ich habe eine Grenze nie wahrgenommen. Ich arbeite seit über 25 Jahren in verschiedenen Großprojekten auf der ganzen Welt, da nimmt man Grenzen nicht mehr wahr.

 

Wie war es für Sie Niederländisch zu lernen?
Das war schon mehr eine lustige Geschichte. Als ich hier anfing, habe ich natürlich kein Wort niederländisch gesprochen, konnte die Sprache aber relativ schnell verstehen. Dann kam eine Phase von ca. 1,5 bis 2 Jahren, die man durchaus als Übergang bezeichnet werden kann. Die Kollegen sprachen mit mir niederländisch und ich antwortete immer noch deutsch. Irgendwann habe ich dann damit aufgehört und nur noch niederländisch gesprochen.

 

Wann begann die Planung der Floriade ?
Ich habe an meinem Geburtstag am 03. Oktober 2006 hier begonnen. Die Floriade war zu diesem Zeitpunkt praktisch mein Geburtstagsgeschenk.

 

Woher kommen Sie gebürtig? Wo liegt zur Zeit Ihr Lebensmittelpunkt?
Gebürtig komme ich aus Lübeck. Meine Familie lebt noch in Schleswig-Holstein und ich pendle die Wochenenden zwischen Venlo und Schleswig-Holstein. Unter der Woche wohne und lebe ich in Venlo. Meinen Lebensmittelpunkt zu bestimmen, gestaltet sich so etwas schwierig, da ich mit der Region durch die Zeit in der ich hier lebe und arbeite schon sehr verbunden bin und es auch eine Form von zuhause geworden ist. In den Schulferien ist meine Familie regelmäßig hier in Venlo. Mein Sohn hat hier vor kurzem ein 4 wöchiges Praktikum gemacht, mit dem Ziel die niederländische Kultur und Sprache kennen zu lernen und er hat viel Spaß dabei gehabt. Wir haben hier viele junge Stundeten. Von der Fontes laufen hier viele Projekte und wir haben einen Werkstudenten aus Moers, der hier seit 2 Jahren bei der Floriade tätig ist. Man merkt bei den jungen Leuten, dass sie keine Barrieren kennen, denn sie lernen sehr schnell sich in einer anderen Sprache und Kultur zu bewegen.

 

Sie waren bereits bei der Expo 2000 in Hannover als einer der verantwortlichen Projektleiter tätig. Wieviel Expo 2000 steckt in der Floriade 2012?
Es ist natürlich die gesamte Erfahrung. Das was ich in Hannover in den fast 5 Jahren gelernt habe und „mitnehmen“ durfte fließt jetzt in die Floriade ein, allen voran natürlich mein Vorsatz es bei der nächsten großen Ausstellung besser zu machen. Es wurden auch verschiedene Dinge hier nach Venlo mitgenommen, wie z.B. das Projekt „Die Allee der vereinigten Bäume“ welches vom Schweizer Gartenarchitekten Prof. Kienast in Hannover bepflanzt wurde und hier auf der Floriade fortgesetzt wird, oder die Nachnutzung der Villa Flora. Das Ansiedeln von Unternehmen welches wir in Hannover damals nicht ausgeführt haben, konnten wir hier in Venlo erfolgreich durchsetzen. So sind es doch sehr viele Dinge die ich aus Hannover „mitgebracht“ habe und versucht habe sie hier zu platzieren.

 

Sven Stimac und Nard Reijnders der Dirigent des Floriade-OrchestersEin wichtiges Thema ist auch die Nachhaltigkeit der Floriade.
Nachhaltigkeit ist natürlich ein sehr breiter Begriff. In erster Linie ging es mir hier um die Nachnutzung des Geländes. Den zukünftigen Business Park (Green Park) vorzubereiten, die Gebäude zu entwickeln, die Infrastruktur entsprechend vorzubereiten, so dass die Floriade so weit wie möglich nachnutzbar ist. Einen Landschaftspark und einen Business Park miteinander zu kopplen ist durchaus nicht trivial und es ist uns auf „Masterplan Niveau“ durchaus geglückt. Wir haben aber auch hier viel aus Hannover mitgenommen. Damals war die Agenda 21 „Mensch, Natur und Technik“ das große Thema, die Hannover Prinzipien (Cradle to Cradle), eine Philosophie der Nachhaltigkeit wurde entwickelt und das haben wir hier in Venlo auch wieder aufgenommen. Aber die Nachhaltigkeit geht ja noch viel weiter. Die Gebietsentwicklung, also der gesamte Park, die Landschaftsentwicklung, die Nutzung des bestehenden Grüns, Topographien zu erhalten, den Boden und die Archäologiehistorie zu bewahren und zu gebrauchen und in die Zukunft zu implementieren. Mit den einzelnen Nationen, die hier auf der Floriade vertreten sind haben wir einen „Global Dialog“ entwickelt, wo regelmäßig ein Kenntnisaustausch zu Themen wie Gartenbau der Zukunft, Planung und Stadtentwicklung, Wasser und Grünstrukturen stattfindet. Auch dies ist eine Form von nachhaltiger Entwicklung zwischen und mit den Nationen.

 

Sie sind eigentlich Physiker, wie findet für Sie sich die Welt der Physik in einer Internationalen Gartenbauausstellung wieder?
Dies ist eine Frage die mir sehr oft gestellt wird. Aber eigentlich mache ich jetzt seit über 25 Jahren internationale Großprojekte. Mein erstes Projekt war z.B. zwei Startkampagnen mit dem europäischen Raumfahrtprojekt „Eureka“ in Florida. Dort ging es dann mehr um die Komplexität der Dinge, die ich als Naturwissenschaftler in das Projekt mit einbringen konnte und die Fachkenntnisse musste ich mir aneignen. Auch hier bei der Floriade geht es nicht in erster Linie um Fachkenntnisse, sondern mehr um das Vermögen komplexe System zu erfassen und zusammen zu bringen. Da ist es dann am langen Ende egal, ob es sich um einen Satelliten oder um eine Gartenbauausstellung handelt.

 

Gibt es für Sie einen Ort der Ruhe oder einen Lieblingsplatz auf dem Gelände der Floriade den Sie uns verraten möchten?
„Oh da wäre ich ja unfair“ (lacht). Für mich ist sicherlich ein persönliches Highlight das tropische Gewächshaus. Diese Idee habe ich als Thailand mitgenommen und es wurde hier in Venlo mit sehr viel Mühe entwickelt. Noch zu erwähnen wäre der Sträucherpark hinter dem Theaterhügel, weil er eine ganz besondere Atmosphäre hat, oder auch der Bereich um die alte St. Jan Kapelle.

 

Und einen Platz an dem Sie am liebsten wirklich jeden Besucher einmal hinschicken möchten?
Kurz und bündig: „Das tropische Gewächshaus“. (lacht)

 

Wie viele Tage brauchte man um wirklich alles auf der Floriade zusehen?
Man sollte sich um alles zu sehen 2 – 3 Tage Zeit nehmen, aber man kann auch in nur einem Tag einen guten Eindruck von der Floriade erhalten.

 

Gibt es eine auffällige Entwicklung in den 10 Jahren seit der letzten Floriade 2002 in Haarlemmermeer?
Entwicklung kann man eigentlich nicht sagen. Es ist mehr der Auftrag zur Erneuerung der Gartenbauausstellung, den wir mitbekommen haben. Also die Ausstellung mehr zu einer Weltausstellung für das Publikum zu gestalten. Das große Thema der Nachnutzung, welches wir in Deutschland viel intensiver kennen, z.B. dass wir Gartenschauen zur Stadtentwicklung benutzen, was in den Niederlanden noch nicht so bekannt war. Dann den von mir schon erwähnten „Global Dialog“, also den wissenschaftlichen Austausch der Nationen, den wir als etwas ganz Besonderes ansehen, sowie der ganze integrale Ansatz des gesamten Landschaftsparks und die Kopplung mit den Wünschen der Besucher. Dies unterscheidet uns schon sehr, von der Floriade 2002.

 

Was bedeutet die Floriade für die Grenzregion?
Ein wichtiges Thema für unsere Region ist natürlich die Beziehung zum Niederrhein. In Nordrhein-Westfalen haben wir in 2012 keine Landesgartenschau, welche zwar lange im Gespräch war, aber nun doch nicht stattfindet. Die große Wirtschaftsentwicklungsinitiative Agrobusiness Niederrhein beteiligt sich mit den Themenschwerpunkten Gartenbau, Agrobusiness und Tourismus am Veranstaltungsprogramm der Floriade. Seit 20 Jahren versucht man nun hier in der Region zu kooperieren und es ist nun geglückt über die Veiling Rhein Maas, einem Joint Venture zwischen Landgard Herongen, FloraHolland Venlo und Landgard Lüllingen, die Kräfte zweier Kulturen zu bündeln und wir hoffen nun auch, dass wir mit der Floriade einen kleinen Beitrag leisten können, dass die wirtschaftlichen Regionen stärker zusammen arbeiten. Deshalb sind wir natürlich sehr dankbar, dass Nordrhein Westfalen sich dazu entschlossen hat, hier einen großen Beitrag zur Floriade zu leisten und sich hier zu präsentieren, mit dem Ziel dass sich die Region Venlo – Niederrhein am globalen Markt stärker positionieren kann.

 

Das Motto der Floriade 2012 ist „ Be part of the theatre in nature, get closer to the quality of life – Living Nature!“/„Besuchen Sie das Theater der Natur - Nature erleben!“, wie erschließt sich das Konzept?
Das Konzept war hier natürlich die Einrichtung der 5 Landschaften. Die bestehen aus dem Landschaftspark, den Gärten, den Restaurants, dem Spielplatz und einer Bühne. Das Thema „Mensch – Natur – Technik“ und eine vor allem eine besucherbezogene Ausstellung stand bei der Entwicklung ganz vorne. Wir haben hier auch Gartenwettbewerbe veranstaltet, eine Tradition aus Deutschland, die hier in den Niederlanden noch nicht so bekannt war. Bei der Floriade gibt es keine großflächigen Landschaften, sondern eher viele Beispiele für den Besucher sich seinen eigenen Garten zu gestalten. Unsere Philosophie ist es, dass die Ausstellung eine Beziehung zum Besucher entwickelt soll, so dass große Blumenbeete welche sie hier auf der Floriade sehen, sich ohne weiteres für die Besucher auf ihren 10 qm Privatgarten umsetzen lassen. Mit unserem sehr komplexen Motto „Theater der Natur“, versuchen wir dem Besucher die Spannung und die Phänomene welches die Natur bietet aufzuzeigen und sie zu stimulieren wieder mehr mit der Natur in Verbindung zu treten. Anders als in Deutschland sind in den Niederlanden durch die große Obst und Gemüseproduktion des Landes die Themen, Gesundheit, Ernährung und Essen, wichtiger Bestandteil einer Gartenschau, die dann das Bild von „quality of life und living nature“ abrunden.