'Tatort Viersen' - was geschah...

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Was geschah vor 200 oder 500 Jahren mit Verbrechern und Mördern? Was ist aus diesen alten Kriminalfällen geworden? Von der Strafverfolgung und der Rechtspraxis in grauer Vorzeit bis hin zu interessanten Kriminalfällen in Dülken, Süchteln und Viersen.

Spannende Kriminalfälle wurden von Stadtarchivar Marcus Ewers sowie Margret Hesse, Heinz Hesse und Hans-Willi Lennertz vom Verein „Geschichte für Alle“ in ihrer Publikation mit dem Titel „Tatort Viersen - Kriminalgeschichten aus der Frühen Neuzeit“ zusammengetragen. In und um Viersen befinden sich Orte, die im vorbeigehen nicht immer augenscheinlich sofort ihre Geschichten preisgeben. Die Spurensuche der vier war erfolgreich und offenbart schreckliche Fakten, aber auch Episoden zum Schmunzeln oder zum Kopfschütteln. „Tatort Viersen - Kriminalgeschichten aus der Frühen Neuzeit“, ist ein passender Titel auch zur gleichzeitig stattfindenden Criminale.

 

Hans-Willi Lennertz, Margret und Heinz Hesse vom Verein "Geschichte für Alle" mit Kulturdezernent Dr. Paul Schrömbges, Stadtarchivar Marcus Ewers und Dr. Axel Greuvers von der Kulturabteilung der StadtTatort Viersen Der erste Teil der Publikation: „Das gute alte Recht", handelt von Strafverfolgung und Rechtspraxis in der Frühen Neuzeit, z. B. Kapitel mit dem Titel; „Der Viersener Galgenberg“, „Die Tortur in der Folterkammer“, „Die Gerichtssteine — vorgeschichtliche Orte des Rechts und der Sühne“, lassen erahnen was den Leser erwartet.

Die meisten Kriminalfälle sind dem Buch von Friedrich Wilhelm Lohmann: Geschichte der Stadt Viersen von 1913 entnommen. Viele der Fälle waren passagenweise in Niederdeutsch und Ost-Limburgisch überliefert, die Autoren haben diese alten Texte dem heutigen Sprachgebrauch angepasst.

Mit historischen Illustrationen und Erklärungen eröffnet sichHalsring vom Viersener Galgenberg und die Eiserne Hand aus ViersenHalsring und Eiserne Hand einem der Einblick in unsere Geschichte der Rechtsprechung und verbindet diese mit den Orten in und um Viersen. Nach dem lesen wird man diese Orte wohl mit anderen Augen betrachten müssen, Orte wie z.B.  Lindenplatz, Brabanter Bergheide, Viersener Schultheißenhof, Hinrichtungsstätte in Süchteln, Galgheide in Dülken um nur ein paar Orte zu nennen. Am 7. Mai führt eine Busrundfahrt, geleitet von Heinz und Margret Hesse, zu den Rechtsdenkmälern in Viersen. Es werden diese Orte aufgesucht und ihre schreckliche Vergangenheit noch einmal erzählt. "Die Mittel der Rechtsfindung waren sehr brutal, es waren brachiale Methoden, um an die Wahrheit zu kommen", erläutert Stadtarchivar Marcus Ewers.

Im zweiten Teil häufen sich die „Interessante Kriminalfälle in Dülken, Süchteln und Viersen“ (Fälle von 1501 bis 1803). Im Fall „Die Ermordung der Anna Margareta Terporten aus Süchteln“, fanden die Autoren vom Verein "Geschichte für Alle" bei  ihrer Recherche heraus,  dass die neunjährige Anna Margaretha wohl aus sexuellen Motiven getötet worden ist. Im offiziellen Bericht stand dies nicht, sondern wurde von den Autoren beim durchsehen aller Unterlagen zu dem Fall als wahrscheinlicher „ermittelt“. Zum Schluss wird von einem Kriminalfall berichtet, der immer noch nicht ganz aufgeklärt ist und den es immer noch gilt zu lösen.

 

"Tatort Viersen - Viersen - Kriminalgeschichten aus der Frühen Neuzeit"
ist im Stadtarchiv und im Buchhandel  für 5 Euro erhältlich.
Herausgeber:
Stadtarchiv Viersen und der Verein Geschichte für Alle e.V. Viersen
Verfasser sind:  Stadtarchivar Marcus Ewers, das Ehepaar Heinz und Margret Hesse sowie Hans-Willi Lennertz.

 

 

 

 

 

Die Tour zu den Rechtsdenkmälern in Viersen:
Am Samstag, 7. Mai, startet um 15 Uhr vor der Festhalle
Teilnahme kostet 5 Euro.
Nach der Busrundfahrt ist im Süchtelner Weberhaus Krimilesung mit Kaffee und Kuchen.
Karten gibt es bei der Kulturabteilung der Stadt unter Tel. 02162/ 101 466 oder - 468.

 

Und hier eine Leseprobe:

Das Dülkener Drillhäuschen

Dülkens Eiserne Hand und das Drillhäuschen

Nacherzählt und ergänzt von Heinz und Margret Hesse

 

Auch im heutigen Viersener Stadtteil Dülken – bis zur kommunalen Neugliederung 1970 selbständige Stadt – existierte eine „Eiserne Hand“.

Das damalige alte Rathaus [vor 1791] am Markt - heute Alter Markt – befand sich in Höhe der heutigen Schulstraße mit der Front zur gegenüberliegenden Kirche und dem Gewandhaus. Es war ein dreiachsiger Backsteinbau mit Schieferdach. Über einen zweistufigen Eingang mit relativ niedriger Tür gelangte man in das Innere des Gebäudes. Dieses Rathaus war auch der Standort der Eisernen Hand.

Bei Kirchweihfesten und Jahrmärkten wurde an demselben als Zeichen des Rechts einer selbständigen polizeilichen Aufsicht und Anordnung über alle Gewerbesachen eine „Eiserne Hand“ ausgesteckt.

Gleich neben der Stelle mit der Eisernen Hand, stand das gefürchtete „Drillhäuschen“.

Diese gab es schon im ausgehenden Mittelalter in vielen Städten. Im Herzogtum Jülich begegnen wir dieser Art des öffentlichen Strafens mit dem Drillhäuschen aber erst im 17. und 18. Jahrhundert, zunächst in Düren.

Damals, 1731, bat der Magistrat der Stadt Jülich, den Herzog von Jülich, zur Abstrafung leichterer Vergehen das Drillhäuschen errichten zu dürfen.

Das Drill- oder Rollhäuschen war gleichzusetzen mit dem Pranger oder Schandpfahl. Diese Einrichtungen dienten dazu, Ehrenstrafen zu vollziehen. Ehrenstrafen wurden nicht vom Scharfrichter vollzogen, sondern durch die Öffentlichkeit. Die klassischen Delikte für Ehrenstrafen  wie das „Drillen oder Trillen“ waren z. B. Warenfälschung und Betrug. Neben dem Zweck der Abschreckung, hoffte man auf eine moralische Besserung. Das Drillhäuschen glich in etwa in seiner Form einem großen Fass mit Stäben und war mit einer Tür versehen.

Die Trülle in Bern, Kupferstich 1780Dieser runde Käfig, in dem eine Person von allen Seiten zu sehen war, wurde mit Hilfe einer senkrechten Achse in drehende Bewegung – mehr oder minder schnell – versetzt.

Der Delinquent musste je nach Schwere seines Deliktes in diesem Käfig stehen und erhielt durch längeres oder kürzeres, schnelleres oder langsameres Umdrehen, seine Strafe.

Dülken, Süchteln und Boisheim gehörten noch bis in das 18. Jahrhundert zum Herzogtum Jülich, daher ist es nicht verwunderlich, dass Dülken auch ein solches Instrument des öffentlichen Strafens hatte.

Die Aufstellung desselben unmittelbar in Rathausnähe diente dazu, dass möglichst viele Passanten den Einsitzenden sehen und drehen konnten. Welche fürchterlichen körperlichen Beschwerden dadurch verursacht wurden, ist leicht nachzuvollziehen.

Die Strafe des „Drillhäuschens“ war für „Zuchtlose“ mit leichteren Vergehen gedacht.

Das Gewandhaus, dass sich schräg gegenüber dem Rathaus zur damaligen Zeit befand, und für Maße und Gewichte zuständig war, lässt darauf schließen, dass die „Eiserne Hand und das Drillhäuschen“ in Zusammenhang standen, und bei Vergehen gegen Maß und Gewicht sofort in Aktion traten.

Die Dauer der Prangerstrafe, auch für das Drillhäuschen, war je nach Vergehen, länger oder kürzer.

So war bei einigen Delikten, z. B. Vergehen gegen die Sittlichkeit, die Zeit der Prangerstrafe von 8 – 12 Uhr, oder bei Diebstahl einen halben Tag.

Wenn bei Delinquenten von einer „üblichen Zeit“ am Pranger die Rede war, so war davon auszugehen, dass es an Markttagen war, wo möglichst viele Menschen diese Bestrafung wahrnehmen konnten, und die Dauer des „Anprangerns“ ein bis zwei Stunden betrug.

Nicht allein das Drehen des Käfigs sondern auch das Bewerfen mit „Unrat“ – um es vorsichtig auszudrücken – gehörte dazu.

1791 brannte das alte Rathaus, das schon lange in einem desolaten Zustand war, ab. Das Drillhäuschen wird daher auch den Flammen zum Opfer gefallen sein.

Es ist anzunehmen, dass das Drillhäuschen am Rathaus in Dülken einen ähnlichen Standort und ein ähnliches Aussehen hatte.

 

Literatur: Doergens, Hugo, Chronik der Stadt Dülken, Dülken 1926, S. 160

 

Robertz, Peter, Die Strafrechtspflege am Haupt- und Kriminalgericht zu

Jülich, von der Karolina bis zur Aufklärung (1540-1794)

Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte des Niederrheins

(Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1943)

Veröffentlichung des Jülicher Geschichtsvereins 1987, S. 79

Wolf, H. J.: Geschichte des Hexenprozesses, Hamburg 1995 (Drillhaus)