Ein Tag des Gedenkens und Miteinanders

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Nicht nur ein Straßenschild sondern auch ein Schild der Erinnerung Nicht nur ein Straßenschild sondern auch ein Schild der Erinnerung

Nachfahren deportierter Willicher Juden aus aller Welt besuchen Willich.

 

Am 2. Adventswochenende trafen sich zahlreiche Angehörige verschiedener Familien von deportierten Juden in Willich, um gemeinsam mit Willicher Bürgern ihrer ermordeten Vorfahren zu gedenken. Sie erkundeten bei einer Stadtführung die Orte, an denen ihre Lieben vor ihrer gewaltsamen Vertreibung als geachtete und integrierte Mitbürger gelebt und gearbeitet haben. Bei gemeinsamen Gebeten an jüdischen Gräbern wurde die Trauer wieder lebendig und die Fassungslosigkeit, dass solche grausamen Verbrechen passieren konnten. Höhepunkt des Wochenendes war die Einrichtung verschiedener Orte der Erinnerung durch das Verlegen von Stolpersteinen sowie die Enthüllung von Straßenschildern und die Errichtung einer Gedenktafel am Sonntag.

 

Die Vorgeschichte

In mühevoller Kleinarbeit haben der Studiendirektor Bernd-Dieter Röhrscheid und Schüler des Sankt-Bernhard Gymnasiums unter tatkräftiger Hilfe des Willicher Stadt-Archivars Udo Holzenthal über die letzten Jahre Schicksale von deportierten jüdischen Mitbewohnern recherchiert und nach überlebenden Angehörigen gesucht. Tief erschüttert waren sie von den Schicksalen, die sich ihnen nach und nach erschlossen. Stück für Stück wollen Sie die Erinnerung an diese Menschen zurück nach Willich bringen. Ein erstes großes Ereignis fand im Februar diesen Jahres statt, als unter großer Anteilnahme der örtlichen Bevölkerung und einiger überlebender Zeitzeugen erste Stolpersteine in Willich-Schiefbahn verlegt wurden. Durch diesen Erfolg ermutigt wurde mit Unterstützung der Stadt Willich nicht nur die Verlegung weiterer Stolpersteine geplant, sondern auch die Benennung von zwei neu eingerichteten Straßen nach den Schiefbahner Familien Rübsteck und Kaufmann. Auf Initiative des Allgemeinen Schützenvereins Willich entstand eine Gedenktafel am Alt-Willicher Schützenplatz für die hoch angesehene Familie Lion.

 

Die Einladung an die Angehörigen zur Teilnahme an den verschiedenen Ereignissen am 9. Dezember erfuhr eine überwältigende Resonanz: 23 Nachfahren, Kinder, Neffen und Enkel der Vertriebenen und Ermordeten, reisten aus Berlin, den Niederlanden, England, Israel, Schweden, den USA und sogar Australien an! Mit Unterstützung der Stadt Willich und vieler freiwilliger Helfer wurde aus der Einladung ein ganzes Wochenende der Begegnung, des Erinnerns und Gedenkens.

 

Wie haben die Menschen, die von so weit angereist sind, das Wochenende erlebt?

 

 

Danke, dass Ihr Euch so eine Mühe macht!

Das war die gängige Meinung der Gäste. Jonathan Rogers drückt es so aus: „Die Menschen aus Willich erweisen meiner Familie (Lion) durch die Aktion des Erinnerns einen großen Respekt, der uns sehr viel bedeutet. Es ist für mich eine große Ehre, an diesem Tag in Willich dabei sein zu dürfen und so den Initiatoren und Beteiligten meinen Respekt und meine Dankbarkeit zu zeigen“.

 

Nachfahren und Freunde von Werner Rübsteck

 

Voller Dankbarkeit und Stolz erleben Angehörige der Familie Rübsteck trotz des nass-kalten Wetters die Enthüllung des Straßenschildes zum Gedenken an ihre Familie. „Unser Vater hat als einziger überlebt und ist nach seiner Auswanderung nach Israel immer wieder nach Schiefbahn gekommen, um einen alten Freund, der ihm wie ein Bruder geworden ist, zu besuchen. Jetzt gibt es von unserer Familie nur noch meine Schwester und mich. Es bedeutet uns sehr viel, heute mit meinem Neffen hier zu sein“ sagt Anat Shalom aus Haifa, eine Tochter von Werner Rübsteck.

 

Die Familie Lion hat es in die ganze Welt verschlagen, weil die Kinder mit Hilfe von treuen ausländischen Freunden rechtzeitig Deutschland verlassen konnten. In Willich trafen sich die Enkel der ermordeten Familienmitglieder. Sie kamen aus Berlin, England, Amerika und Australien: „Wir haben uns in dieser Runde seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen. Es ist wie ein kleines Familienfest für uns“. Dankbar und tief bewegt nehmen sie an den verschiedenen Zeremonien teil. Besonders berührt und stolz ist die Familie als am Nachmittag in Alt-Willich die Gedenktafel enthüllt wird, die am Schützenplatz angebracht werden wird. Dieser Platz liegt auf einer ehemaligen Viehweide der Familie Lion, die der ermordete Abraham Lion bis 1933 Jahr für Jahr den Schützen für ihre Feste zur Verfügung gestellt hatte.

 

Familie Lion: Gemeinsam mit Bürgermeister Heyes und einem Vertreter der ASV-Schützen freuen sich die Nachfahren von Abraham Lion über die Gedenktafel am Schützenplatz

 

 

Peter Lion: „Ich bin in Australien geboren und trage keinen Hass in mir. Mein Vater wollte immer nach vorne schauen. Gleichwohl hat er viel von Willich erzählt. So bin ich bereits als Student hierher gereist. Ich wollte wissen wo wir herkommen und unser Haus besuchen. Es war gerade Schützenfest – so viele Menschen! Ich habe mich damals nicht getraut, die Willicher auf meine Familie anzusprechen. Es ist beeindruckend und sehr bewegend, heute an diesem Ort zu sein und zu erleben, wie fremde Menschen, insbesondere auch die junge Generation, unsere Familie ehren.“

 

Als Fremde gekommen – als Freunde gefahren

Die Nachfahren der Anrather Familie Servos waren aus Schweden angereist. Bei seinen Recherchen hatte Bernd-Dieter Röhrscheid festgestellt, dass eine sehr entfernte Verwandtschaft zwischen beiden Familien bestand. Entsprechend haben er und seine Frau Christa diese Gäste persönlich betreut. So haben Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, ein sehr intensives Wochenende miteinander verbracht. Es wird nicht das letzte Treffen dieser Familien gewesen sein.

 

Familie Servos: Bernd-Dieter (re) und Christa (3.v.r.) Röhrscheid mit Mitgliedern der Familie Servos

 

 

 

Ein Zeichen setzen gegen das Vergessen und für eine gemeinsame friedliche Zukunft

 

Beim Empfang im Rathaus konnten sich die Gäste und Willicher Initiatoren austauschen und besser kennenlernen. Viele Gäste hatten zeitgeschichtliche Dokumente und Fotos mitgebracht.

 

Empfang im Rathaus

 

Bürgermeister Heyes betonte in seinen Reden, dass die Opfer der unmenschlichen Verbrechen des Dritten Reiches nicht in Vergessenheit geraten dürfen und dass im gemeinsamen Gedenken von alt und jung ein Zeichen für eine friedliche gemeinsame Zukunft gesetzt werden soll. Alle Beteiligten waren sich einig: Dieses ist am Wochenende eindrucksvoll gelungen!

 

 

Alle Fotos: Nicki Karl

 

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