Stolpersteine

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Ein tolles Engagement: 20 Jugendliche treffen sich in ihrer Freizeit, um ein Andenken an deportierte Juden in Willich zu schaffen.

Was motiviert sie, sich mit dem Schicksal von Menschen auseinander zu setzen, die vor mehr als 70 Jahren gelebt haben? Mag-4 hat nachgefragt

 

 

 

Auslöser für die Aktion der Schülerinnen und Schüler des St. Bernhard-Gymnasiums in Willich-Schiefbahn war die Beschäftigung mit der "Situation der verfolgten und ermordeten Kinder während des Nationalsozialismus in Willich" im 2. Halbjahr 2011 ihrer Klasse 9f. Zusammen mit ihrem Politiklehrer Bernd-Dieter Röhrscheid und mit Hilfe des Stadtarchivars Udo Holzenthal begaben sie sich auf die Suche nach dem Schicksal von deportierten Juden in ihrer Heimatgemeinde. Standen zunächst nur die Kinder im Fokus, weiteten sie bald ihr Engagement auf alle Deportierten aus.



Liebevoll von den Schülern zusammen getragene Daten, ausgestellt im Zug der Erinnerungen
Foto: Nicki Karl
Zeichen setzen gegen das Vergessen
Was die Jugendlichen in mühevoller und teilweise detektivischer Kleinarbeit herausfanden, hat sie nicht nur außerordentlich bewegt, sondern auch dazu angeregt, Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Schon bald stand der Entschluss fest, für jedes gefundene Schicksal einen sog. Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig (s.u: weitere Informationen) zu setzen – insgesamt 44 Stück! Da diese Steine gut sichtbar in den Bürgersteig – möglichst vor dem letzten Wohnort der jeweiligen Opfer - eingesetzt werden sollen, war zusätzliches Engagement nötig. Genehmigungen mussten erwirkt und dazu der Kulturausschuss der Stadt Willich überzeugt werden. Zudem mussten Sponsoren für die jeweils ca. 125€ teuren Steine gefunden werden. Dafür reichte das Schuljahr nicht aus. Das Thema hat für die Schüler einen so hohen Stellenwert erlangt, das sich fast 20 von ihnen in einer freiwilligen AG zusammenschlossen, um an der Umsetzung der Idee weiter zu arbeiten. Einmal pro Woche opfern sie ihre Mittagspause und besprechen den Stand der Aktion und weitere Maßnahmen.


Mag-4 hat die 15-17-jährigen Schülerinnen und Schüler befragt, wie sie ihre Projektarbeit bisher erlebt haben und was sie motiviert, einen Teil ihrer knappen Freizeit dafür zu investieren. „Wir möchten zu Ende führen was wir begonnen haben“ sagte ein Schüler „Unser Ziel war sehr bald, Stolpersteine zu setzen und das möchten wir erreichen, quasi auch die Lorbeeren für die viele Arbeit ernten“. Die anderen stimmten dem voll zu.


Schicksale haben Namen und sogar Gesichter bekommen
Die Verfolgung von Juden war für alle zunächst ein sehr abstraktes Thema, die horrenden Zahlen waren weder vorstellbar noch greifbar. Durch die Beschäftigung mit den Schicksalen einzelner Personen sei das Thema sehr konkret geworden. Kaum jemand hätte gedacht, dass es in Willich auch so etwas gab und dieses sogar in der eigenen Nachbarschaft. „Ich gehe häufig an einem Haus vorbei, aus dem Juden verschleppt worden sind“, meinte eine Schülerin nachdenklich, „das sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen“. So geht es allen Beteiligten, die durch die Texte von Zeitzeugen einen viel intensiveren Bezug und Gefühle zu den Geschehnissen damals bekommen haben und die sich zudem auch intensiv mit den Einzelschicksalen auseinandergesetzt haben. Die Jugendlichen konnten Schicksalen Namen zuordnen und dank der akribischen Arbeit sogar Gesichter. Insgesamt, sagen die Schülerinnen und Schüler übereinstimmend, sind sie nachdenklicher aber auch neugieriger geworden.


Wie haben Eltern, Freunde und Klassenkameraden aufDie Schüler haben ein großes Ziel erreicht: Die ersten Steine werden mit einer Gedenkfeier an die Opfer verlegt.
Foto: Presseamt Stadt Willich
das Engagement reagiert? „Im Grunde wusste kaum jemand, was Stolpersteine sind, konnte sich auch nichts darunter vorstellen. Als wir dann aber die Hintergründe erläuterten, haben wir insgesamt sehr positive Resonanz erfahren“ ist die einhellige Erfahrung. Die Schüler sind zuversichtlich, dass sich selbst gelegentlich geäußerte Ablehnung legen wird, „wenn wir Ergebnisse, also verlegte Steine, präsentieren können“. „Meine Oma möchte sogar mit zur ersten Steinverlegung kommen“ berichtet eine Schülerin nicht ohne Stolz.


Alle hoffen, dass die Stolpersteine – auch wenn sie teilweise nur in Nebenstraßen ohne großen Laufverkehr liegen – die Menschen auf die schlimmen Verbrechen aufmerksam machen, zum Nachdenken anregen und so einen Beitrag gegen das Vergessen leisten.


Am 6. Februar war es dann soweit: In der Schulstraße 2 in Willich-Schiefbahn wurden in einer feierlichen Zeremonie die ersten sieben Stolpersteine für die sieben Mitglieder der deportierten Familie Kaufmann durch den Künstler Gunter Demnig verlegt. Über 50 Menschen, darunter auch ein Zeitzeuge, waren trotz klirrender Kälte zu diesem bewegenden Ereignis gekommen. Die Jugendlichen haben ihr großes Ziel erreicht!

 

Sieben Schicksale: sieben Rosen und sieben Steine erinnern an Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebten.
Foto: Nicki Karl
Zu jedem Schicksal wird eine kleine Geschichte erzählt

Foto: Presseamt Stadt Willich

 

Weitere Informationen:
Hintergrund der Stolpersteine: Hier handelt es sich um eine Idee / ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der die Erinnerung an Vertreibung und Vernichtung der religiös und politisch Verfolgten im Nationalsozialismus lebendig erhalten möchte. Dazu werden vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer für jede Person 10x10cm große Gedenktafeln aus Messing in den Bürgersteig eingelassen. Diese enthalten in knapper Form die persönlichen Daten der Opfer und sollen den Passanten „mit dem Kopf und dem Herzen“ über deren Schicksal „stolpern“ lassen. (www.stolpersteine.com)

Neue Straßennamen: Auf Anregung der Schüler überlegt die Stadt Willich, zwei Neubaustraßen ggü. dem jüdischen Friedhof in Knickelsdorf nach den aus Schiefbahn vertriebenen Juden zu benennen: – eine Kaufmann- und eine Rübsteckstraße.

Weitere Verlegungstermine: Im Frühsommer für die Juden aus der Stadt Willich, die nach Riga deportiert wurden (11. Dezember 1941); im Spätsommer für die Juden die nach Theresienstadt deportiert wurden (25. Juli 1942).

Buch: Bernd-Dieter Röhrscheid und Udo Holzenthal schreiben ein Buch über die Schicksale der jüdischen Familien in Willich. Die Autoren sind für Hinweise oder Bilder zu den ermordeten Juden dankbar. Kontakt Bernd-Dieter Röhrscheid, Tel. 02154 7967

 

geschrieben von: Nicki Karl