Sonntag, 28 Oktober 2012 02:00

Schulbeginn

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Der Tag kam, an dem die Schule wieder anfing;

diesen Montag fuhren Sophia und ich wieder in die Schule, gespannt, welche Aufgaben es nun für uns geben sollte und was zu tun sei. Nach dem allmorgendlichen Fahnenappell mit Nationalhymne und kollektivem Beten – Buddhismus ist hier die Staatsreligion – warteten wir darauf, dass Lehrer kämen, um uns mit in ihren Unterricht zu nehmen. Nichts dergleichen geschah, weswegen wir dann unsere Vertrauensperson Pho Pilom fragten, ob es für uns denn keine Arbeit gebe. "Nein, heute bekommen die Schüler nur ihre Lehrmaterialien und danach dürfen sie dann früher nachhause." - Nun ja, hätte man drauf gefasst sein sollen, es war eben der erste Schultag. Ein wenig unbefriedigt, aber mit Hoffnung auf die nächsten Tage gingen wir dann wieder nachhause. Die nächsten Tage vergingen ähnlich. Wir halfen teilweise als Assistenz im Unterricht aus, stellten den Schülern dabei ein paar Fragen oder beaufsichtigten Tests. Alles jedoch nicht wirklich das, was ich mir vorgestellt habe. Nach dem Donnerstag, an dem Nachmittags eine Lehrerkonferenz stattfand, zu der wir eingeladen waren, die wir aber plötzlich frühzeitig verlassen sollten, da sie nur auf Thai stattfand, war meine Motivation doch leicht im Keller; ich bin allerdings ein Mensch geworden, der sich sagt "Mai Pen Lai, das wird schon besser werden!".

So kam es dann auch: Am folgenden Tag durften wir das erste mal alleine und sofort vier Stunden in verschiedenen Klassenstufen unterricht, sogar alleine! Es waren nämlich die neuen ausländischen Lehrer noch nicht eingetroffen – ich hatte ganz vergessen, von diesen zu erzählen: Unsere Schule hat für gewöhnlich drei Englischlehrer aus dem Ausland von Organisationen, die in Thailand angesiedelt sind. Letztes mal waren es zwei aus den Vereinigten Staaten und einer aus Dänemark. Allerdings werden diese, warum auch immer, nach ca. einem oder einem halben Jahr wieder gewechselt. Schade eigentlich, ich hatte mich mit dem Dänen gut verstanden und halte es persönlich weder für die Schule sinnvoll, sich immer wieder auf neue Lehrer einstellen zu müssen, noch für die Lehrer, niemals einen festen Wohnort zu haben, an dem sie Freundschaften aufbauen und leben können.

Wie dem auch sei, wegen dieses Umstandes waren natürlich einige Klassen ohne Lehrer, da die Neuen eigentlich schon fest eingeplant waren. Das bekamen wir mit und erboten uns, die Gelegenheit nutzend, besagte Klassen zu übernehmen. Jetzt habe ich auch erfahren, warum wir bisher nichts zu tun hatten: Die Schule möchte, dass wir möglichst viel Spaß haben und uns bei ihnen wohlfühlen, wozu für sie der Unterricht nicht gehört. Das Missverständnis haben wir natürlich versucht, sofort aus dem Weg zu räumen. Ich hoffe also, dass es auch nächste Woche mit dem Unterricht weitergehen wird. Er ist zwar teilweise nervenraubend, aber dennoch interessant und zudem das, wofür ich hier bin.

 

Ich hatte drei verschiedene Klassenstufen: einmal M1, einmal M2 und zweimal M6 (zur Erklärung: Ich unterrichte an einer sogenannten Matayom-Schule. Das ist die weiterführende Schule von der siebten bis zur zwölften Klasse. Es gibt, soweit ich weiß, auch nur diese eine Oberschulform und im Vorfeld eine sechsjährige Grundschule, genannt Prathom. Schulpflichtig ist man bis M3, vergleichbar mit unserer neunten Klasse). Ich musste also schnell die Gedanken, die ich mir im Vorfeld gemacht hatte, praktisch anzuwenden versuchen. Bei M6 war das kein Problem; diese ca. Achtzehnjährigen können schon ein wenig Englisch verstehen, sodass man mit ihnen leichtere Spiele spielen und ihnen einfache Fragen zum Dialog stellen kann. M1 war da schon ein wenig schwieriger, aber auch in Ordnung. Ihr Englisch ist erstaunlicher Weise nicht viel schlechter als das der ältesten Schüler gewesen, was aber auch daran gelegen sein könnte, dass es M1/1 ist (nochmals zur Erklärung: Die einzelnen Klassen werden innerhalb der Stufen nach ihrer Leistung geordnet und die besseren Schüler kommen in die besseren Klassen. Deshalb gibt es immer einen Zusatz zu der Stufenangabe: Die besten sind beispielsweise M1/1 und die schlechtesten M1/13; /13 ist immer die schlechteste Klasse). Zudem sind die M1-Schüler noch sehr motiviert und freuen sich über Spiele und Frage-Antwort-Dialoge.

Härter wurde es dann mit den M2-Schülern. Ich weiß nicht genau ob es an der nahenden oder schon eingetretenen Pubertät liegt, aber diese Klasse hatte wirklich gar keine Lust auf den Unterricht. Sie waren ausschließlich laut und unkonzentriert. Einige konnte man zwar durch interessante Spiele o.Ä. dazu bewegen, mitzumachen, allerdings waren das fast nur Mädchen oder Transsexuelle (und wieder eine Erklärung: Hier in Thailand sind Homosexualität und Transsexualität etwas völlig normales; größtenteils sind es sogar die Männer, welche diese sexuellen Orientierungen an den Tag legen. Es findet für gewöhnlich keine gesellschaftliche Ausgrenzung statt, sondern eine hohe Akzeptanz ist die Regel. Warum das so ist, habe ich bisher noch nicht ersehen können, finde das aber sehr vorbildlich. Aufgrund dieser Tatsache bekennen sich auch schon viele Jungen – teilweise schon in der Grundschule – zu ihrer Homosexualität und fangen an, sich sehr weiblich zu geben. Oftmals lassen sich homosexuelle Männer hier nach der Schule bereits umoperieren und treten fortan als Frau – hier oftmals "Ladyboy" genannt – auf).

Die Jungen hingegen spielten mit Fußballtröten und lachten unaufhörlich. Ich wusste nun nicht genau, was ich dagegen hätte tun können und habe für den ersten Tag Gleichgültigkeit gezeigt und gelegentlich manche der Störenfriede zur Spielleitung (z.B. bei Galgenmännchen) an die Tafel gerufen. Ziel war hierbei nicht eine Bestrafung, sondern die Übertragung einer Verantwortung und das Auflösen der Störgruppe (hier gibt es oft Gruppentische). Ich weiß noch nicht, ob die Überlegung hier greift, aber man wird sehen. Jedenfalls werde ich die Kinder keinesfalls schlagen oder mit anderen Strafen versehen, wie es hier teilweise noch ältere Lehrer tun (das ist allerdings schon stark auf dem Rückschritt und ähnelt der Entwicklung, die z.B. in Deutschland innerhlab des 20. Jh. stattfand).

Ich habe mir von mehreren Lehrern sagen lassen, dass die Stufen M2 bis M4 wirklich nicht leicht sein sollen, da sich deren Verhalten in diesen Jahren lediglich verschlimmert und nicht verbessert. Das kennt man jedoch auch aus Deutschland (ich war in dem Alter auch nicht der beste und ruhigste Schüler) und ich bin sicher, dass sich dieses aufmüpfig- prahlerische Verhalten mit der Zeit geben wird.

So viel zu meinem ersten Tag als Lehrer.

 

Ich muss sagen, dass mich dieser Freitag doch ein wenig ermüdet hatte, was mich aber nicht daran hinderte, am Abend dem Fußballturnier, das in unserem Dorf bis zum 12. November stattfindet, beizuwohnen. Hier ist eben immer irgendetwas los; da soll noch jemand sagen, das Dorfleben sei langweilig!

 

P.s.: Gleichzeit findet in Korat die FIFA-Futsal-Weltmeisterschaft (Hallenfußball) statt. Ich werde vermutlich auch einige dieser Spiele besuchen und vielleicht darüber berichten.

Letzte Änderung am Dienstag, 30 Oktober 2012 12:54