Dienstag, 23 Oktober 2012 02:00

Ferien pt. 2: Ein Besuch in Ban Kam Phom

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Sophia und ich saßen freudig im Bus Richtung Khon Kaen und versuchten im schwindenden Tageslicht immer wieder zu erraten, in welcher Gegend wir uns befanden. Wieso? An diesem Abend sollten wir endlich nach einem Monat unsere Freunde und Mitfreiwilligen Vu und Anne wiedersehen und ein paar Tage in ihrem Dorf bleiben.

Dementsprechend groß war unsere Freude. Nachdem wir einige Male vergeblich Khon Kaen in verschiedenen Orten vermuteten, erkannten wir endlich einige bekannte Bauten, da wir in Khon Kaen die ersten zwei Wochen in Thailand verbracht hatten. Ein schönes Gefühl, vertraute Bilder zu sehen und Erinnerungen aufsteigen zu fühlen.

Am Busbahnhof angekommen riefen wir, nachdem wir verblüfften Gesichtern auf Thai sagten, dass wir nicht nach Chiang Mai wollten, sondern Freunde in Khon Kaen besuchten, Vu und Anne an, welche uns nach einiger Zeit, da sie am falschen Busbahnhof waren, mit einem Englischlehrer ihres Dorfes Ban Kam Phom abholten.

Dieser lud uns promt zu einer Nudelsuppe ein und wir vereinbarten, bei ihm am nächsten Tag zu essen – wie gesagt, hier is(s)t man gerne in Gesellschaft. Anschließen fuhren wir dann zu Annes und Vus Haus und verbrachten noch einen ruhigen gemeinsamen Abend, an dem wir uns austauschten und erzählten. Besonders Vu und ich merkten, dass wir viele ähnliche Erfahrungen gemacht haben, bisher sehr zufrieden in unseren Dörfchen sind und froh sein können, nicht in Chiang Mai oder einer anderen großen Stadt gelandet zu sein.

An dieser Stelle möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, die eine meiner Sichtweisen auf das Leben hier deutlich machen soll:

 

Am übernächsten Tag, nachdem wir am Tag zuvor Annes Kindergarten besuchten und später bei Din (der Englischlehrer) gemeinsam sehr gut aßen, blieben Vu und ich morgens bei ihm zuhause, während Anne zum Kindergarten musste, da sie keine Ferien hatte, und wurden spontan von Din gefragt, ob wir nicht mit ihm und ein paar anderen Lehrern essen und den Tag begehen wollten. Natürlich sagten wir zu und fuhren gemeinsam zu dem Haus eines anderen Lehrers, wo Vu Gitarre spielte und wir Lao Khao (einen wirklich widerlichen Reisschnaps mit vierzig Prozent Alkohol) trinken mussten. Din fuhr unterdessen zum Markt, besorgte Fleisch, Speck und Innereien zum Essen. Ich muss generell sagen, dass ich hier deutlich mehr Gerichte probiere, als ich es in Deutschland getan habe. Früher hätte ich, besonders als Vegetarier – der ich allerdings in Deutschland auch wieder sein werde – niemals Darm, Schweinehaut und Leber mit gehacktem Schweinefleisch (genannt "Lab Mu") gegessen, so lecker die Gewürze und Kräuter dabei auch sein mochten, aber hier ist das was anderes. Man bekommt es angeboten, probiert es und macht sich danach drüber her, als gäbe es nichts besseres. Nach diesem Festmahl saßen wir alle besammen und plötzlich, ohne dass man es vorher geahnt hätte, wurden die Kinder eines Lehrers dazu aufgefordert, in den hauseigenen Tümpel zu springen und Fische zu fangen; das ist einfacherer als es klingt, da währenddessen das Wasser abgelassen wurde. Gesagt, getan: Die Kinder machten sich an die Arbeit, gefolgt von einem Lehrer, und durchwühlten gemeinsam den Schlamm. Ich wurde auch aufgefordert, hatte aber leider keine passende Kleidung mehr dabei. Nächstes mal werde ich allerdings auf jeden Fall mitmachen. Irgendwie hatte mich dieser Moment nachdenklich gestimmt: Ein vollkommen Fremder Deutscher wird mit einer unbegreiflichen Selbstverständlichkeit in das Dorfleben integriert und mit allem versorgt, was man braucht. Dabei sah ich zu einhundert Prozent das echte Dorfleben, die Einfachheit und Herzlichkeit der Menschen hier und dachte "Wie schade es ist, dass so viele Menschen ihren Thailandurlaub in Pattaya, Bangkok, Chiang Mai oder auf Kosa Mui verbringen, wobei sie hier eine unvergleichliche Gastfreundschaft erwarten würde". Mir ist natürlich klar, dass die meisten Touristen kein Thai können und viele Thais im Isaan-Gebiet kein Englisch berherrschen und deswegen eine Annährung schwierig sein könnte, aber dennoch geht den meisten Touristen eine besondere Erfahrung verloren und manche Facetten Thailands können nicht gezeigt werden. Aber vielleicht ist dies auch besser so, denn Tourismus kann oftmals das Urtühmliche eines Landes zerstören, wie man es in Pattaya beobachtet. Da ist es doch ganz schön, dass die Dörfer hier noch relativ unberührt sind und die Herzlichkeit und Spontanität, welche mir beispielsweise in Deutschland sehr fehlen, bisher bewahren können.

 

Am Abend dieses letzten Abends wurden wir wiedermal zum Essen eingeladen und Vu und ich packten dann später unsere Sachen, um am nächsten Tag früh nach Bangkok aufbrechen zu können. Im übrigen wurden wir von einer Erzieherin aus Annes Kindergarten zum Bus nach Khon Kaen gefahren, die weder Vu noch mich wirklich kannte – Das ist irgendwie bezeichnend für den hiesig vorherrschenden Menschenschlag.

Letzte Änderung am Dienstag, 30 Oktober 2012 12:54