Dienstag, 12 Mai 2015 13:34

Martina Maaßen

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Martina Maaßen Foto: © Gesa Kieselmann-Fricke

Martina Maaßen ist die Kandidatin für Bündnis 90 die Grünen. Sie ist Politikerin aus Leidenschaft und seit 1990 für die Grünen aktiv. Sie ist Mitglied des Landtags NRW und Mitglied des Rates der Stadt Viersen. Menschen und Dinge nach vorne bringen, das treibt sie an.

 

Sie möchte mitreden, mitgestalten. Wie das für Viersen aussehen soll, verrät sie in unserem Interview.

MAG-4: Ihr Slogan ist: Ein grünes Herz für ein lebendiges Viersen! Mit welchen Akzenten möchten Sie als Bürgermeisterin ein grünes und lebendiges Viersen schaffen?

 

Martina Maaßen: „Ich möchte mit dem grünen Herz auch ein Bewusstsein für die Stadt wecken, in der man lebt. Ein Stück mehr Heimatgefühl vermitteln, um sagen zu können: Hier

fühle ich mich wohl, hier bin ich zu Hause oder zugezogen. Und hier möchte ich auch mitgestalten. Mir ist wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger ein Stück Identität entwickeln für die Stadt, in der sie leben und nicht alles nur negativ betrachten, was wir nicht haben, sondern eher Ressourcenorientiert denken. Zu sagen, was ist positiv, was hat mich hierhergezogen? Was möchte ich vielleicht verändern? Das fängt da an, dass ich auch als Bürgermeisterin Bürgersprechstunden anbieten möchte. Das mache ich als Abgeordnete und als Fraktionsvorsitzende hier schon fünf Jahre lang. Aber ich möchte auch für die Mitarbeiter in der Verwaltung flache Strukturen entwickeln, so dass die Bürgermeisterin auch direkt ansprechbar ist. Für Bürgerinnen und Bürger aber auch für die Mitarbeiter. Mit einem Internetauftritt und direktem Kontakt zum Bürger bei Veränderungen im Sozialem Raum z.B. ein neuer Wohngürtel soll gebaut werden oder eine KiTa. Das dies plakatiert wird, dass Infozettel verteilt werden. Die Bürger sollen, bevor man überhaupt in die Planung geht, über erste Ideen informiert werden. Ich halte nichts davon zu sagen, wir wecken da Bedarfe, wenn wir vorab informieren. Dass die Bürgerinnen und Bürger utopische Vorstellungen haben und wir sie nachher enttäuschen müssen, sehe ich nicht so. Ich denke die Bürgerschaft ist in der Planung ein Kooperationspartner.

Als Bürgermeisterin hat man nicht eine Patentlösung parat, da ist die Aufgabe zu kommunizieren, zu moderieren! Es geht um Anerkennung und Wertschätzung der Meinung der Bürger.

Desweiteren müssen wir uns dem Thema Inklusion und soziale Lage in Viersen stellen. Wir haben eine hohe Armutsquote in Viersen, gerade auch bei Kindern. Und das ist wieder die Identifizierung mit der Stadt zu sagen: Wir brauchen zum Beispiel einen Runden Tisch gegen Armut.

Ein weiterer Punkt ist: Wie organisieren wir unsere Stadtteile? Ich stehe dazu, dass Viersen der Kernstadtteil ist mit den Haupteinkaufsmöglichkeiten und das in den anderen Stadtteilen eine Grundversorgung da sein muss. Aber wir können nicht ein riesen Geschäftsangebot aufrechterhalten – hierzu bekommen wir auch keine Investoren. Die Politik kann ja auch nur einen Rahmen setzen. Von daher müssen wir sehen, mit welchen Dingen wir die einzelnen Stadtteile wieder nach vorne bringen. Sei es im Kultur-oder Wohnbereich und schauen, dass wir da Identitäten schaffen. Ich bin zum Beispiel dafür, die Stadtteilbibliotheken aufrechtzuerhalten. Also kulturelle Anlaufpunkte schaffen. Ein weiterer Punkt zum Thema lebendiges Viersen der mir sehr wichtig ist, ist dass wir uns klimafreundlich aufstellen. Das fehlt mir hier total. Auch in den neuen Wohngebieten. Da heißt es von der Verwaltung: Wir können den potentiellen Eigentümern keine Vorgaben machen. Das sehe ich anders! Da kann man durchaus, wenn man ein Wohngebiet entwickelt, festlegen wie die Ausrichtung der Häuser ist oder ob man gemeinsam ein Blockheizkraftwerk betreibt. Da haben wir jetzt die Chance in Süchteln am Schwimmbad und es hat für mich oberste Priorität, das neue Baugebiet klimawertvoll mit erneuerbaren Energien aufzustellen. Da haben wir Nachholbedarf. Da muss die Verwaltung zudem vorne Weg mit Ihren eigenen Gebäuden sein. Aber auch Beratungsstrukturen für Bestandsimmobilien und Vorgaben für neue Immobilien entwickeln.

Lebendiges Viersen ist für mich auch eine Randzeitenbetreuung im Kitabereich, vor acht und nach siebzehn Uhr. Das kann nicht jede Kita leisten aber wir brauchen Angebote für Eltern. Für junge Mütter, für junge Väter, damit sie ihre Berufstätigkeit und persönliche Entwicklung voranbringen können. Wir bieten schon viele KiTa- und Tagespflegeplätze an, aber in einem sehr konservativen Rahmen. Den möchte ich, in gewisser Weise, durch diesen Begriff lebendig anders denken können.“

 

 

Foto: © Gesa Kieselmann-Fricke

 

MAG-4: „Mit welchen Projekten möchten Sie für ein gemeinsames, inklusives Aufwachsen, spielen und lernen eintreten?“

Martina Maaßen: „ Mir geht es in erster Linie um eine Bewusstseinsschaffung. Mit Inklusion verbindet man sofort Schule, Bildungschancen und Kitas. Mir geht es darum, dies ein Stück weiter zu öffnen hinsichtlich einer sozialen Inklusion. Da geht es nicht nur darum, dass Menschen offensichtlich eine körperliche oder geistige Behinderung haben, sondern auch exkludiert sind auf Grund ihrer bisherigen Bildungschancen oder auf Grund von Armut oder wenig Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies möchte ich aufbrechen. Ich denke, wir brauchen Runde Tische, die sich mit der Flüchtlings- oder Armutsproblematik in Viersen befassen. Gleichzeitig möchte ich ein Bewusstsein schaffen, für Menschen/Kinder, die wirklich ein Handicap im körperlichen oder geistigen Bereich haben. Ich bin froh, dass wir die Primusschule in Viersen, als eine von fünf Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen, haben. Ich unterstütze langes gemeinsames Lernen voll und ganz. Und war ehrlich gesagt entsetzt über die Ratsdiskussion im letzten Jahr ob wir es schaffen, sieben behinderte Kinder ab Klasse fünf hier zu inkludieren. Da haben sich die beiden Schulen gewehrt, der Rat hat sich dreimal dagegen gestellt. Die Bezirksregierung hat es anordnen müssen. Aber die Eltern haben ein Wahlrecht, das haben wir zu akzeptieren. Wir müssen alles dafür tun, wenn die Eltern sich für eine Regelschule entscheiden, ihnen es auch zu ermöglichen. Und das hat für mich oberste Priorität. Dafür müssen wir noch mehr Bewusstsein schaffen, auch in den Schulen. Das ist ein Prozess der dauert zwei-drei Jahrzehnte. Ich habe es mir in Südtirol, wo es seit dreißig Jahren keine Förderschule mehr gibt, angeschaut. Das ist ein ganz anderes Miteinander. Aber da ist kein Schalter, den man einfach umlegt. Das ist ein langer Prozess. Dem müssen wir uns stellen, es immer wieder thematisieren. Mir geht es unter dem Begriff Inklusion darum, alle gesellschaftlichen Randgruppen, wenn man sie so benennen möchte, zu inkludieren. Nicht nur behinderte Menschen auch langzeitarbeitslose Menschen, von Armut Betroffene. Das geht nur über Sensibilisierung und Zusammenhalt und Maßnahmen, die wir dann entwickeln. Wie zum Beispiel die Kaufbar, das Sozialkaufhaus in Viersen, dass dies auch weiter geführt wird. Die Sekundar- und Primusschulen nach vorne bringen, die Eltern zu motivieren, ihre Kinder dort anzumelden. Solche Dinge gehören für mich sehr stark dazu. Ich erlebe es in meiner Bürgersprechstunde und in meiner Tätigkeit im Petitionsausschuss im Landtag, dass die Kommunen gegen den Rechtsanspruch entscheiden und keinen Inklusionshelfer zur Verfügung stellen. Da würde ich mir als Bürgermeisterin die Fälle zeigen lassen und mit entscheiden und mit schauen wollen und dafür sorgen, dass die Instrumentarien, die gesetzlich festgelegt sind, die Betroffenen auch erhalten. Das ist auch mit Geld verbunden.

Es rentiert sich doch! Wenn nachher ein gehandicaptes Kind in der Lage ist, selbständig sein Leben zu führen und einen Beruf zu ergreifen.“

 

 

MAG-4: „Wie möchten Sie die finanzielle Situation der Stadt angehen?“

 

Martina Maaßen: „ Die kommunale Finanzsituation in Viersen ist sehr angespannt. Aber das ist kein Problem, dem wir uns in NRW alleine stellen müssen. 80%-85% der Kommunen haben dieses Problem. Ich halte auch nichts davon, mit der Parole rauszugehen: Ich will eine schuldenfreie Stadt. Ich denke erstes Ziel muss sein, keine neuen Schulden mehr aufzunehmen und in der Lage zu sein, unsere alten Schulden ordentlich abzubezahlen. Das ist das erste Ziel. Das Problem ist, das wir zu mehr als 85% der Ausgaben gesetzlich verpflichtet sind. Da kann man zum Beispiel im Bereich der Heimkosten für Kinder, wo wir hohe Kosten haben, über 11 Millionen Euro im Jahr, nicht einfach sagen, da lassen wir die Kinder noch etwas in den Familien. Aber auch freiwillige Leistungen müssen erhalten bleiben, wie das Jazzfestival oder die Billard WM oder andere kulturelle Projekte. Wir brauchen auch eine gewisse Lebensqualität. Da muss man halt eine Gradwanderung schaffen. Da geht es in erster Linie darum, Lebensperspektiven bei den Bürgerinnen und Bürgern zu entwickeln, dass sie in der Lage sind Arbeit aufzunehmen, zu schauen welche Erwerbsmöglichkeiten gibt es in Viersen und Umgebung, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Und über Ansiedlung von Gewerbe Einnahmen durch Gewerbesteuer zu erzielen. Hier ist es mir wichtig zu sehen, dass es nicht nur Logistikunternehmen sind, die riesige Hallen anmieten und zehn Leute beschäftigen. Da muss man schauen, wie viele Arbeitsplätze kommen tatsächlich nach Viersen. Sind das auch Chancen für Viersener und Viersenerinnen oder bringen die ihre Mitarbeiter schon mit. Zudem werde ich mich in meiner politischen Tätigkeit auch massiv dafür einsetzen, dass im Bereich der sozialen Ausgaben mehr Unterstützung von der Bundesebene kommt.“

 

 

 

 

MAG-4: „Sie sind in Viersen geboren, was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Heimatstadt? Was macht sie aus?“

 

Martina Maaßen: „ Heimatgefühl. Ich finde es schön, wenn ich einkaufen gehe z.B. auf dem Markt und ich mir sicher bin, irgendjemanden treffe ich immer. Es ist ein Stück Verbundenheit mit dem Ort insgesamt, weil Familie, Freunde und Bekannte hier auch wohnen. Ansonsten gefällt mir die Mischung aus Einkaufsmöglichkeit und schnell im Grünen zu sein, auch mit dem Fahrrad viel machen zu können, sehr gut. Wir haben hier auch einige gute Sportmöglichkeiten. Ich finde wir liegen sehr zentral zu den Oberzentren, Düsseldorf, Köln, Ruhrgebiet. Aber auch in Richtung Niederlande ist es nicht weit. So haben wir die Möglichkeit, neben den Angeboten in Viersen für Arbeit, Erholung, shoppen und kulturellen Angeboten, schnell woanders zu sein und auch andere Möglichkeiten zu nutzen. Wir haben hier auch mit der Festhalle ein tolles Angebot und auch das Schulangebot finde ich gut. Man hat im Kreis vieles, dass man erleben kann.“

 

 

MAG-4: „Welche Frage wollten Sie schon immer beantworten?“

 

Martina Maaßen: „Wie kommt man eigentlich zur Politik? Warum macht man das? Man redet viel von Politikverdrossenheit und wie man Menschen dazu bekommt, sich zu engagieren. Wir haben ja nicht nur in der Politik das Problem, sondern auch z.-B. bei den Vereinen, dass Nachwuchs fehlt. Da habe ich mir schon gedacht: Warum fragt dich kaum einer: Warum tust du dir das an?

Soll ich die Frage auch beantworten?

Ich bin zur Politik gekommen mit 18, als in Deutschland die große Diskussion aufkam Atomwaffen, NATO-Doppelbeschluss, Atomkraftwerke, die urgrünen Themen also. Weshalb die Grünen sich auch gegründet haben.

Ich war auf der Demo in Bonn am Hofgarten. Das hat mich aufgerüttelt. Da war für mich klar, als die Grünen sich gegründet haben, das ist deine Partei, die wählst du auch. Ich bin seit 25 Jahren Mitglied. Ich bin nicht mit allem einverstanden aber das hat man in einer Gemeinschaft immer. Mit den Grünen habe ich aber immer noch die meisten Übereinstimmungen.

Ich habe immer schon das Gefühl gehabt, ich muss mich gesellschaftlich engagieren. Das ist mir so mitgegeben worden, zu sagen du kannst nicht immer nur für dich was machen, sondern du hast eine Verpflichtung, dich in der Gesellschaft zu engagieren.

Ich möchte mitreden, mitgestalten. Ich habe Hochachtung für jeden, der sich in irgendeiner Art und Weise in der Gesellschaft engagiert“

 

 

Name: Martina Maaßen

Jahrgang: 1963

Geburtsort: Viersen

Ausbildung: Studium Sozialpädagogik und Sozialmanagement an der FH Niederrhein , 1987 Abschluss als Diplom Sozial Pädagogin, 2003 Abschluss als Diplom Sozialwirtin

Hobbys: Stadionbesuche von Borrusia Mönchengladbach gemeinsam mit der Mutter, Schwimmen, Aquagymnastik

Leitspruch: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. (Wolf Biermann)

Letzte Änderung am Dienstag, 26 Mai 2015 09:24