Montag, 28 Mai 2012 02:00

Arabischer Frühling im Ägyptischen Sommer

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Glückliche Ägypten-Reise mit Jannik.

Mitternacht, Nachtbus nach Eilat, Eilat um kurz nach fünf, fünf Menschen im Busbahnhof, Busbahnhof bis Grenzübergang – Grenzübergang leer. Waren bei Sonnenaufgang schon in Eilat am Meer und sind dann mit dem Bus in eine andere Welt gefahren. Als wir den Grenzübergang in Taba überquert haben und uns jemand "Viel Glück" nachgerufen hat, wussten wir noch nicht, was uns erwartet und einige warme Minuten später kauften wir ein Busticket nach Kairo und starteten das Warten und nach vielen aufdringlichen Fliegen kam der Bus, in dem eine ägyptische Comedy-Serie rauf und runter lief, während wir den Sinai durch- und den Suez-Kanal unterquerten und durch die Sahara fuhren, bis uns Kairo verschluckte. Nach dem wir vom Telefon eines ersten Taxifahrers unseren potentiellen Couchsurfing-Gastgeber Ibrahim angerufen und den Taxifahrer auf Ibrahims Rat wieder abgewimmelt und drei Sekunden später einen neuen gefunden hatten, fuhren wir in der Abendsonne nach Gizeh und es war wunderschön.

Mit Ibrahim tranken wir Tee in seinem Lieblingscafé und verbrachten den Abend einfach so an diesem besonderen Ort, wenige Hundert Meter neben den Pyramiden und im Kreise lieber Menschen zwischen Pferden, Tuktuks und Kamelen. Liefen gemeinsam durch sandige Gassen, schliefen in der derzeit leerstehenden Wohnung von Ibrahims Schwester und wurden früh wach. Erkundeten zu Kamel und zu Pferde die Pyramiden und ich habe mich gefühlt, als wäre ich mitten in meinem alten Kinderbuch "Briefe von Felix" gelandet, war halb wie im Traum, an unserer Seite ein witziger Bedouine.

Kaum stiegen wir in Kairo aus dem Taxi, fing uns vor dem Ägyptischen Museum ein älterer Herr ab, der uns informierte, dass das Museum gerade Mittagspause und demnach erst in einer halben Stunde wieder geöffnet habe, er wisse dies, weil er dort arbeite, als Professor für Ägyptologie, Doktor Sherif sei sein Name und er würde jetzt einen Kaffee trinken gehen, wir könnten ihn gerne begleiten. So kam es, dass wir ihn begleiteten, einen sympathischen und unterhaltsamen Herren Ende 50, der fließend Englisch sprach und von seiner Zeit als Archäologe bei den Ausgrabungen in Gizeh, seiner frisch verheirateten in Dänemark lebenden Tochter und Restaurationsarbeiten in der Ägyptologie-Ausstellung auf der Museumsinsel Berlin erzählte. In einem netten Café in einem Hinterhof tranken wir Tee, den Doktor Sherif für uns wegen der für europäische Mägen manchmal unverträglichen afrikanischen Bakterien mit Mineral- statt mit Leitungswasser bestellte, mich zu einer anderen, saubereren Toilette brachte und uns viele ineressierte Fragen stellte. Wir plauderten eine Weile und machten uns auf den Weg zurück zum Museum, als Doktor Sherif von dem aktuell stattfindenden Lotusblütenfest berichtete und beschloss uns das Parfüm in einem Laden ausprobieren zu lassen. So fanden wir uns schließlich in einem kleinen Geschäft wieder, ließen den Angestellten zig verschiedene Düfte auf unseren Armen verteilen und erwarben, benebelt von allem, zu guter letzt auch noch ein Fläschchen der kleinstmöglichen Größe, bevor uns Doktor Sherif einen Zettel mit seinem Namen und seiner Raumnummer im Museum gab und sich verabschiedete, um noch Zigaretten kaufen zu gehen. Er versprach Jannik seinen Namen in Hiroglyphen auf Papyrus zu schreiben und uns zum Studentenpreis reinzulassen und schlug vor, dass wir in etwa einer Stunde zu seinem Raum kämen.

Mir wurde in regelmäßigen Abständen schwindelig und übel, vermutlich wegen der fremden Bakterien im Trinkwasser, sodass wir an diesem Nachmittag nicht mehr ins Museum gingen, sondern nur im Museumsgarten auf der Wiese lagen. Jannik fragte allerdings später noch nach unserer neuen Bekanntschaft und musste vom Muesumsdirektor persönlich erfahren, dass unser kleines bisschen Misstrauen berechtigt war und alle zwei Wochen Touristen nach Doktor Sherif fragen und eine Geschichte von einem Parfümladen erzählen … verrückte Welt!

Als wir am nächsten morgen den zweiten Versuch starteten, das Ägyptische Museum zu besuchen, wurden wir vor dem Tor von einem jungen Mann angesprochen, der uns warnte: das Museum habe zur Zeit geschlossen, er sei Ägytologie-Student und sein Bruder lebe zur Zeit in Berlin …

Wir verbrachten einige Stunden in der riesigen, beeindruckenden Sammlung, bevor mir wieder schlecht wurde und wir unseren Platz im Museumsgarten einnahmen. Später gingen wir in ein schwedisches Restaurant auf dem Tahrirplatz, der kaum hätte friedlicher sin können, und die liebevolle schwedische Besitzerin schickte jemanden zur Apotheke und schenkte mir Tabletten gegen die Übelkeit, die auch kurz darauf wirkten und das Reisen sehr viel angenehmer machten.

Später sahen wir die Pyramiden-Lightshow von Ibrahims Dachterasse aus und verbrachten den Abend mal wieder in unserem Stammcafé mit den neuen Bekanntschaften, Wasserpfeife und Tee. Unterhaltungen über die Revolution und die anstehenden Wahlen, ägyptischer Sommer, arabischer Frühling. So endete die kurze, anstrengende, aufregende Kairo-Zeit, die uns einen sehr besonderen Eindruck verschaffte und sicher sein lässt, dass wir bald wiederkommen möchten, um diesen wunderschönen, spannenden und bunten Ort weiter zu entdecken. Mit Tabletten im Gepäck und ohne Parfüm einzukaufen. :)

Die Nacht verbrachten wir im Bus, der uns nach Dahab brachte, wo wir sehr entspannte Tage genossen und in aller Ruhe um die atemberaubenden Korallenriffe schnorchelten. Im Hostel-Restaurant freundeten wir uns mit Net an, dem weltbesten Koch mit einer schönen Geschichte.

Die letzten drei Tage der Reise waren noch viel ruhiger, wir waren die einzigen Gäste in einem wunderschönen Camp in Tarabin. Also lagen wir tagsüber hauptsächlich in der Hängematte, fragten uns, wie es sein kann, dass nicht ein einziger der rund sieben Milliarden Menschen dieses Planeten auf die Idee kam, den Tag an diesem paradiesischen Fleckchen Erde zu verbringen und unterhielten uns von Zeit zu Zeit mit dem sehr netten sudanesischen Angestellten. Das einzige anstrengende waren die Nächte, in denen ich verschiedene Kämpfe mit diversen Moskitos führte. Am zweiten Tag tauchte ein russischstämmiger "Prophet" auf, der nicht "geboren wurde", sondern "zur Welt kam" und unter anderem auch Löwensprache spricht. Wir verbrachten einige Stunden buchstäblich mit Essenssuche, da die meisten Restaurants aufgrund des so gut wie garnicht mehr existierenden Tourismus kaum noch Mahlzeiten anbieten und man sich beim Betreten eines Lokals immer vorkommt, als sei man mitten im privaten Wohnzimmer einer Bedouinenfamilie gelandet.

 

Obwohl ich mir Mühe gebe, schöne Texte zu schreiben, werde ich nicht müde zu betonen, dass sie nicht ansatzweise den unbeschreiblichen Bildern in meinem Kopf entsprechen. Diese ganze wunderbare Reise glitzert noch in mir.

Viele liebe Grüße aus heute 38 Grad in Herzliya,

Luisa